Barrierefreies Reisen

Studierende zertifizieren den Campus in Wernigerode und unterstützen lokale Tourismusunternehmen

Mit Blick auf den demografischen Wandel und die Umsetzung der Agenda 2030, ist das Thema „Barrierefreiheit“ in vielen Bereichen sichtbar geworden – vor allem auch in der Tourismusbranche. „Barrierefreiheit ist für 10 % der Bevölkerung unentbehrlich, für 40 % hilfreich, aber für 100 % komfortabel“ – unter diesem Motto wurde durch das Deutsche Seminar für Tourismus die Initiative „Reisen für Alle“ ins Leben gerufen und damit ein bundesweit einheitliches Informationssystem geschaffen. Das Zertifikat wird seit März 2020 in allen Bundesländern anerkannt und vom Bundeswirtschaftsministerium unterstützt. Immer mehr (touristische) Betriebe nutzen diese Kennzeichnung, um auf ihre barrierefreie Ausstattung hinzuweisen. Die Kriterien wurden in enger Zusammenarbeit mit Behinderten- und Tourismusverbänden festgelegt. Dozentin Claudia Kepke ist eine ausgebildete Erheberin, die im Auftrag der Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt Objekte erfasst. Daraus entwickelte sie die Idee, gemeinsam mit lokalen Akteuren der Tourismusindustrie ein passendes Projekt für Tourismusstudierende anzubieten. Im Sommersemester 2020 mussten pandemiebedingt jedoch gerade solche Vorhaben in kurzer Zeit neu konzipiert werden. Die lokalen Praxispartner Wernigerode Tourismus GmbH, Bürger- und Miniaturenpark Wernigerode, Harzdruckerei und auch die Hochschule Harz zeigten sich aber flexibel und fanden einen gemeinsamen Weg.

Nach einer ersten Einführung in die Thematik mit den Praxispartnern per Videokonferenz, konnte die aktive Arbeit in kleinen Gruppen beginnen. Ziel des Projektes war, die bestehende Broschüre „Barrierefreies Wernigerode“ weiterzuentwickeln und dem Bürger- und Miniaturenpark neue Impulse zu geben, beispielsweise bezüglich der Kundenansprache hinsichtlich Barrierefreiheit. Als krönenden Abschluss galt es, den Wernigeröder Campus mit der Auszeichnung „Reisen für Alle“ zu zertifizieren.

Campus Wernigerode erhält das Zertifikat „Reisen für Alle“

Die Hochschule Harz ist zwar kein touristischer Betrieb, dient aber regelmäßig als Erholungs- und Tagungsort. So wurden drei Bereiche zertifiziert, die am stärksten durch die Öffentlichkeit genutzt werden. Das sind zum einen das Naturdenkmal Campus, das AudiMax als Tagungsraum insbesondere für die KinderHochschule und die GenerationenHochschule sowie die Bibliothek mit der Kunstausstellung von Karl Oppermann.

Tourismusstudierende haben gemeinsam mit Erheberin Claudia Kepke sämtliche Wege, Steigungen, Durchgänge etc. vermessen und dokumentiert. Bei schönstem Wetter wurde deutlich, wie stark der Park frequentiert wird – und zwar von sämtlichen Gruppen, die auf Barrierefreiheit angewiesen sind: Menschen im Rollstuhl, ein Jogger mit Kinderwagen, eine ältere Dame mit Rollator, Radfahrer usw. Im Überprüfungsprozess konnten mehrere Schwachstellen identifiziert werden. Kleinigkeiten, wie eine verschlossene Behindertentoilette, wurden gleich behoben. Größere Hindernisse können erst mit der Zeit verändert werden. Dazu gehört zum Beispiel eine durchgängige und kontrastreiche Beschilderung auf dem gesamten Campusgelände. Ein weiteres Hindernis für Rollstuhlfahrer oder Personen mit Kinderwagen ist die Schleuse der Bibliothek. Diese kann nicht ohne Hilfe passiert werden.

Wirtschaftsminister Armin Willingmann übergab das Zertifikat an Claudia Kepke, die dies stellvertretend für die Studierenden und die Hochschule entgegennahm. Die Hochschule Harz ist nun auf „Barrierefreiheit geprüft – teilweise barrierefrei für Menschen mit Gehbehinderung, teilweise barrierefrei für Menschen mit Rollstuhl“. Das Zertifikat ist drei Jahre gültig. Damit wird die Hochschule Harz in der Datenbank www.reisen-fuer-alle.de gelistet und kann ihre Besucher anhand des Prüfprotokolls besser informieren.

Unterstützung bei der Weiterentwicklung von barrierefreien Tourismusangeboten in Wernigerode

Bereits zertifizierte Betriebe sind die Wernigerode Tourismus GmbH sowie der Bürger- und Miniaturenpark Wernigerode. Beide Betriebe arbeiten an einer kontinuierlichen Verbesserung des barrierefreien Angebots in der beliebten Tourismusstadt.

Andreas Meling, Leiter der Wernigerode Tourismus GmbH erklärt: „Die Barrierefreiheit hat einen zunehmenden Stellenwert für den Tourismus in Wernigerode. Denn dieses Thema betrifft eine breite Zielgruppe, die nicht nur Menschen mit Behinderung sondern auch ältere Gäste sowie Familien mit Kindern umfasst. Dabei sind nicht immer nur hoch investive Infrastrukturverbesserungen der touristischen Einrichtungen von Nöten. Schon mit dem Ausgleich von Informations-, Kommunikations- und Servicedefiziten lassen sich bestehende Hürden abbauen und große Potenziale erschließen, die der barrierefreie Tourismus aus unserer Sicht birgt. Daher war das Projekt der Hochschule Harz von großem Interesse für uns.“

Die Studierenden konzentrierten sich - anders als ursprünglich geplant - auf die kontrastreiche Gestaltung und setzten sich mit dem Thema „Leichte Sprache“ auseinander. Einige Texte zu touristischen Sehenswürdigkeiten wurden darauf aufbauend umgeschrieben und gekürzt.

Um die Bildsprache und die Gestaltung touristischer Broschüren ging es auch bei der Zusammenarbeit mit dem Bürger- und Miniaturenpark Wernigerode. Um sich einen Überblick über das Unternehmen zu verschaffen, trafen die Studierenden Marketingleiterin und Hochschulabsolventin Kati Müller vor Ort im Bürgerpark. Hier konnten sie sich auch einen Rollstuhl ausleihen, um ein Gefühl dafür zu bekommen, welche Barrieren beim Reisen entstehen können. Die weitere Arbeit erfolgte online. Dazu wurden die Website sowie die Broschüren des Bürgerparks auf Barrierefreiheit überprüft. „Dieses Projekt hat mir nicht nur persönlich sehr viel Spaß gemacht, sondern mir auch die Augen geöffnet, wie wichtig die Barrierefreiheit im Tourismus ist und dass die Branche dafür sensibilisiert werden sollte“, fasst Student Fabio Dessaul zusammen.  

Am Ende des Semesters konnten alle Projektgruppen ihre Ergebnisse vor den jeweiligen Praxispartnern präsentieren – in diesem Fall per Videokonferenz. „Die erarbeiteten Ergebnisse bzw. Handlungsempfehlungen waren sehr hilfreich und werden kurz- und langfristig in unsere touristische Angebotsgestaltung einfließen“, so Andreas Meling abschließend.

Barrierefreiheit umfasst mehr als nur eine ebenerdige Wegeführung

Claudia Kepke fasst zusammen: „Das Projekt hat allen Beteiligten gezeigt, dass Barrierefreiheit nicht bedeutet, nur einen Fahrstuhl oder eine Behindertentoilette zur Verfügung zu stellen. Barrierefreiheit bedeutet auch kontrastreiches Design, eine übersichtliche Homepage, leichte Sprache, erschütterungsarmer Bodenbelag oder Papierkörbe in erreichbarer Höhe. Für die Nachwuchskräfte der Tourismusbranche war es ein lehrreiches Projekt.“ Studentin Klara Sawitzki stimmt zu: „So können wir später im Berufsleben dafür sorgen, dass jeder Freude sowohl im Alltag, als auch im Urlaub hat.“

Barrierefreiheit an der Hochschule Harz

Um Barrieren zu überwinden und das Studium zu erleichtern, steht die Beauftragte für die Angelegenheiten behinderter Hochschulangehöriger, Regina Bernhardt zur Verfügung. Sie begleitet und Sie beantwortet Fragen, wie beispielsweise: „Wie bekomme ich einen Studienplatz?", „Wie strukturiere ich mein Studium?", „Wie beantrage ich den Nachteilsausgleich in Prüfungen?" oder „Wo kann ich wohnen?".

Weitere Informationen zum Thema finden Sie hier.

 

12.11.2020
AutorIn: Claudia Kepke
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Claudia Kepke

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