Enterprise GPS

Betriebswirtschaftliche Ziele sollen mit Modellen der IT verknüpft werden, um Anwendern einen ganzheitlichen Blick auf ein Unternehmen und dessen IT-Nutzung aus verschiedenen Betrachtungswinkeln sowie auf unterschiedliche Abstraktionsebenen zu ermöglichen. Während die verschiedenen Betrach-tungswinkel als sogenannte Layer des Leading Practice Standard Body durch VON ROSING den gesamtheitlichen Rahmen einnehmen, hat SCHERUHN durch eine Ergänzung um Layer-übergreifende Abstraktionsebenen daraus ein zweidimensionales System und wohldefiniertes Regelwerk entwickelt. Das Er-gebnis ihrer Arbeit bezeichnen die Autoren als einen Enterprise GPS STAN-DARD. Bei dessen Nutzung soll der Anwender sowohl horizontal als auch ver-tikal durch die unternehmens- bzw. IT-spezifischen Modelle, den Enterprise GPS CONTENT, navigieren und sich über einen ständig sichtbaren Enterpri-se GPS NAVIGATOR jederzeit über seine aktuelle Position im Gesamtmodell bewusst werden. Im Folgenden wird das Enterprise GPS und dessen Funkti-onsweise genauer vorgestellt und ein kurzer Ausblick für weitere Entwicklun-gen gegeben.
  • Hans-Jürgen Scheruhn, Mark von Rosing, Stefan Weidner, Christian Reiter, Christin Bork

Inhaltsverzeichnis

  • 1 Einleitung
  • 2 Das Enterprise GPS
  • 3 Fazit und Ausblick 

 

1 Einleitung

Die Nutzung betrieblicher Standardsoftware wie SAP ERP in Lehre und Praxis nimmt stetig zu. Im Studium der Wirtschaftswissenschaften oder der Informatik werden weltweit Fallstudien des SAP University Alliance Programm am Beispiel des fiktiven Modellunternehmens Global Bike Incorporated (GBI) bearbeitet, um in ERP-Systemen abgebildete Geschäftsprozesse zu vermitteln.

Um Studierenden die Zusammenhänge von betriebswirtschaftlichen und informationstechnischen Betrachtungswinkeln besser zu vermitteln, hat SCHERUHN an der Hochschule Harz ein umfassendes Informationsmodell (Enterprise GPS Content) zur verbesserten Navigation durch verschiedene Unternehmensstrukturen und SAP-Anwendungen entwickelt. Der dabei zugrundeliegende Enterprise GPS Standard (entwickelt von VON ROSING und SCHERUHN) kann aufgrund seiner modularen Struktur auch auf andere Unternehmen und ERP-Lösungen übertragen werden.

Der vorliegende Artikel bietet einen Überblick über die Bestandteile des Enterprise GPS und deren Anwendung zur Verbesserung der Lehre.

2 Das Enterprise GPS

Das Enterprise GPS ist in Schichten (Layers) und Ebenen (Levels) modularisiert. Das Ergebnis ist eine Matrixstruktur, die einen Überblick über die Funktions- und Arbeitsweisen eines Unternehmens liefert. Solch eine Modularisierung ist nichts Neues, und wurde erstmalig von John Zachman Sr., dem "Vater der Unternehmensarchitektur", angewendet. Eine Studie beschreibt die Vorteile so eines Ansatzes. Im Gegensatz zu Zachman jedoch haben diese Schichten und Ebenen, eine zugrundeliegende Ontologie, Semantik und Relationen von Objekten innerhalb von Modellen. Diese Ontologie, Semantik und Model Relationen stammen aus der Forschung und Analyse der Global University Alliance (GUA). Als Teil der Unternehmensontologie hat die Global University Alliance (GUA) den häufigsten Kontext in Organisationen identifiziert. Organisationen können dadurch fokussiert, aber auch ganzheitlich betrachtet werden.

2.1 Mit Schichten arbeiten

Die LEADing Practice Ebenen können ein Unternehmen modularisieren, so dass dessen Strukturen verständlicher werden. Zum Beispiel ist eine KPI, eine Regulierung oder sogar eine Strategie ein Teil des Business Layers (Geschäftsschicht), während die Anwendungssysteme und Datenaspekte ein Teil des Information Layers (Informationsschicht) sind.

Information Layers (Informationsschicht) sind. Nach von Rosing, M., Urquhart, B., & Zachman, J. A. (2015) müssen sich die Schichten eines Unternehmens auf die in der Organisation vertretenen Ebenen, beziehen, also die Geschäftsarchitektur. Das Verknüpfen von Ebenen zu Schichten erzeugt eine Matrixstruktur wie in Abbildung 2 (Grafik oben; Navigation mit Pfeil) dargestellt, wo die gesamten Unternehmensschichten, d.h. Business, Information und Technologie spaltenweise und die Ebenen mit den relevanten Ansichten zeilenweise dargestellt sind.

2.2 Mit Schichten und Ebenen arbeiten

Über 70 % der Hochschulen in Deutschland nutzen ERP-Systeme in der Lehre mit Fokus auf die Prozessausführung (Phase 4 im Geschäftsrozesslebenszyklus). Dabei kommen vor allem SAP ERP und MS Navision (Dynamics) zum Einsatz. Außerdem verwenden ebenfalls über 70 % der Hochschulen Modellierungssoftware wie ARIS oder MS Visio, um Prozesse zu gestalten (Phase 2). Nur knapp 30 % lehren die Integration der verschiedenen Phasen des Prozesslebenszyklusses, also die ganzheitliche Betrachtung der Prozesse.

Genau hier setzen die Autoren an: Der von dem SAP University Alliance Programm genutzte Enterprise GPS Content ermöglicht es den Studierenden Unternehmensprozesse aus unterschiedlichen Betrachtungswinkeln und auf unterschiedlichen Abstraktionsebenen am Beispiel der GBI ganzheitlich zu betrachten und besser zu verstehen, sowie mit IT-Systemen wie z.B. SAP S/4 HANA im Kontext der Unternehmensziele, -kompetenzen, sowie -services auszuführen.

Abbildung 2 zeigt den Enterprise GPS Standard mit seinen Unternehmens-ebenen (Level) und Sichtweisen (Layer). Die vier Ebenen (Level) unterteilen sich in Unternehmens- (1), Abteilungs- (2), Arbeitsplatz- (3) und Dokumen-tensicht (4). Während sich die drei oberen Level in jedem der sechs Layer prozessorientiert untergliedern, überlappt sich die dritte Ebene mit dem so-genannten Fachkonzept. Dieses wird nach unten in der Dokument-Ebene um ein DV-Konzept ergänzt, was für jeden der sechs Layer die Definition der dokumentenspezifischen Ein- und Ausgabedaten beinhaltet. Die Spalten beschreiben wirtschaftswissenschaftliche Sichtweisen wie Value (V), Competency (C), Service (S) und Process (P) (blau hinterlegt) und informationstechnische Sichtweisen wie Application (A) oder Software und Data (D) (gelb hinterlegt). Wenn man mit Ebenen und Schichten arbeitet, bietet dieses Vorgehen einen strukturierten Ansatz, der den Überblick über ein Unternehmen erleichtert. Somit können die Sichten für ganz andere Geschäftsmodellierungs-, Ingenieurwesen- und Architekturkonzepte weiterverwendet werden. Es ist erwiesen, dass dieser Ansatz ein leistungsfähiges Werkzeug zur Unterstützung bei der Identifizierung und Erfassung von Aspekten innerhalb von Value (Werte), Competency (Geschäftskompetenz), Service (Unternehmensdienst), Process (Geschäftsprozess), Application (Information) und Data (Daten) ist. Wie in Abbildung 2 beschrieben muss man Abstraktionsstufen wählen. So kann Stufe 1 das Unternehmen selbst sein, Ebene 2 seine Abteilungen und Ebene 3 die Arbeitsplätze und Ebene 4 dokumentiert die anderen 3 Schichten. Es regelt die Ein- und Ausgabedatenstrukturen. Die einzelnen Layer spiegeln das externe und interne Umfeld des Unternehmens wider.

Für jede Schicht (Layer)-Ebenen (Level) Kombination sind unterschiedliche Modelltypen klar zugeordnet sowie deren zulässige Verbindungen zu anderen, welche bei der Prozesserstellung (Phase 2 des Geschäftsprozesslebenszyklus) berücksichtigt werden müssen. Der darauf aufbauenede Enterprise GPS Content wurde mit ARIS umgesetzt und dem SAP Solution Manager synchronisiert (Phase 3 des Geschäftsprozesslebenszyklus). Eine Umsetzung mit mit weiteren Tools (z.B. Enterprise + der LEADing Practice) ist geplant.

Der Enterprise GPS Content füllt die sechs Betrachtungwinkel auf vier unterschiedlichen Abstraktionsebenen und zunehmendem Detaillierungsgrad mit Inhalten. In Abbildung 3 (Grafik oben; Navigation mit Pfeil) bspw. werden die vertikalen Beziehungen zwischen den oberen drei Abstraktionsebenen Unternehmen, Abteilung und Arbeitsplatz veranschaulicht. Innerhalb des Betrachtungswinkels „C“ompetency kann der Unternehmensprozessbereich „Marketing und Sales“ der Global Bike Group GBI in zwei Abteilungen, „Marketing“ und „Sales“ aufgeteilt werden. Die Abteilung „Sales“ (C2) zerfällt dann wiederum in „Sales Bereich US Ost“ und „Sales Bereich US West“ mit ihren jeweiligen Mitarbeitern. Erst auf Arbeitsplatzebene (C3) werden den aufgeführten Mitarbeitern Rollen zugeordnet. Die genannten Abteilungen und Rollen sind z.B. über ein BPMN Collaboration Diagram (Abbildung 4) im ARIS Connect direkt mit den entsprechenden Lanes verbunden, sodass durch eine horizontale Navigation auf der Arbeitsplatzebene prozessuale Informationen aus dem Betrachtungswinkel „P“rocess abgerufen werden können. In Abbildung 4 erkennt der Betrachter in P3 einen Ausschnitt der zeitlichlogischen Anordnung der an den Kunden zu erbringenden „S“ervices auf Arbeitsplatzebene sowie die dabei auszutauschenden Dokumente, welche auf Ebene 4 aus dem entsprechenden Fachkonzept als DV-Konzept in einem weiteren Modell (P4) verfeinert werden können. Zu erkennen sind auch die damit verbundenen Ereignisse. Durch den Enterprise GPS Standard ist in diesem Beispiel festgelegt, dass auf Arbeitsplatzebene die Anzahl der um 90° gedrehten vertikalen - in diesem Fall drei - Abstraktionsebenen sich in dem BPMN Collaboration Diagramm in Abbildung 4 genau widerspigeln.

Verschiedene Informationen zu Prozessen, Mitarbeitern, verwendeter Software und Datenflüssen können somit integriert und durch die Positionierung in der Enterprise GPS Anzeige jederzeit dem richtigen Level und Layer zugeordnet werden. Business- und IT-Informationsmodelle sind somit horizontal und vertikal verknüpft und können vom Anwender schrittweise erschlossen werden.

3 Fazit und Ausblick

Das SAP University Alliance Programm hat das Enterprise GPS erfolgreich in ihre Lehr – und Lernumgebung zur Verbesserung des Knowledge Transfers im Kontext des Prozesslebenszyklus an die zugehörigen Hochschulen bzw. deren Studierenden integriert und plant einen weiteren Ausbau.

Über ARIS Connect (zur Zeit noch ARIS Publisher) kann weltweit in englischer und deutscher Sprache auf den Enterprise GPS Content zugegriffen werden. Bereits 7.000 Zugriffe aus über 50 Ländern sind seit Sommer 2016 zu verzeichnen. Infolge der Migration zum SAP UCC Magdeburg wird ein stetiger Anstieg der Zugriffe erwartet. Mithilfe von Fallstudien und verknüpften Denken zwischen Wirtschaft und IT können sich Studierende horizontal sowie vertikal durch das Enterprise GPS arbeiten und Prozesse und Informationsflüsse im Unternehmen besser nachempfinden. Aufgrund einer Verankerung des Regelwerkes des Enterprise GPS Standards bei dem Open Standard Body Leading Practice ist die Übertragbarkeit auf andere ERP- und Modellierungssoftware neben SAP und ARIS (z.B. Enterprise +) generell möglich.

Die Unternehmensgruppe msg (2016 siebter Platz der Lünendonk „TOP 25 IT-Beratungs- und Systemintegrationsunternehmen in Deutschland) plant bereits den Einsatz des Enterprise GPS bei der Ausbildung und Implementierung von SAP S/4 HANA Systemen ein. Zukünftig wird es auch Grundlage für die Entwicklung von SAP Branchentemplates sein.

Zur besseren Integration von Industrie 4.0 wird aktuell an der weiteren Spezifzierung des Enterprise GPS im Tecnology Layer (Platforms und Infrastructure) nach Abbildung 1 (Grafik oben; Navigation mit Pfeil) gearbeitet.

 

Autorenprofile:

Scheruhn, Hans-Jürgen, Prof. Dr.-Ing., Jg. 1958, Studium der Energie- und Verfahrenstechnik an der Technischen Universität Hannover; Leiter VDI EKV Hannover und langjährige Praxis im Siemens-Konzern mit diversen Projekt- und Abteilungsleitungen (SAP, VW, Bosch-Blaupunkt); seit 1994 Professor für Wirtschaftsinformatik am Fachbereich Automatisierung und Informatik an der Hochschule Harz.

Von Rosing, Mark, Prof., Jg. 1970, 1990 Gründung und Chairman Global University Alliance mit über 440 an internationalen Hochschulen tätigen Forschern und Lehrenden, Chairman LEADing Practice. OMG, BA SIG Chairman; ISO- International Organization for Standardization, Development Member; CEN- European Committee for Standardization Development Member.

Weidner, Stefan, Dipl.-Wirtsch.-Inf., Jg. 1978, Studium der Wirtschaftsinformatik an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und Studium der Informatik an der University of Wisconsin – Stevens Point; seit 2004 kaufmännischer Leiter des SAP University Competence Center Magdeburg.

Reiter, Christian, Diplom Kaufmann, Jg. 1966, Studium der Betriebswirtschaftslehre mitSchwerpunkt Wirtschaftsinformatik an der Universität des Saarlandes, Aufbau der IDS Scheer AG, Entwicklung ARIS und Entwicklung SAP Redokumentation, seit 2012 Landscape Transformation in führenden deutschen Unternehmesberatungen.

Bork, Christin, Bachelor of Arts und Masterstudentin, Jg. 1990, Studium der Wirtschaftswissenschaften und des Business Consultings an der Hochschule Harz in Wernigerode.

 

Literaturverzeichnis

Müller, Simone (2016). Enterprise Informationsmodelle in der Lehre. Master Thesis.

 

Von Rosing Mark, Bonnie Urquhart, and John A. Zachman. (2015): “Using a Business Ontology for Structuring Artefacts: Example - Northern Health.” International Journal of Conceptual Structures and Smart Applications (IJCSSA) 3 (1): 42–85. ID: 142900. www.igi-global.com/journal/international-journal-conceptual-structures-smart/54917.

 

Von Rosing, M., & Laurier, W. (2015). An Introduction to the Business Ontology. International Journal of Conceptual Structures and Smart Applications, 3(1), 20–41. doi:10.4018/IJCSSA.2015010102.

 

von Rosing, M., Urquhart, B., & Zachman, J. A. (2015). Using a Business Ontology for Structuring Artefacts: Example - Northern Health. International Journal of Conceptual Structures and Smart Applications, 3(1), 42–85. doi:10.4018/IJCSSA.2015010103.

 

Von Rosing, Zachman, J. (2017). The Need for a Role Ontology. International Journal of Conceptual Structures and Smart Applications. Volume 5, Issue 1.

 

Von Rosing, M. C., Arzumanyan, M., Zachman, J. A. (2017). The relationship between Ontology and Modelling concepts: Example Role Oriented Modelling. International Journal of Conceptual Structures and Smart Applications. Volume 5, Issue 1.

 

Scheruhn, H.; Sicorello, S.; Weidner, S. (2012): Repository-based ERP case studies: A study about chances and benefits of agile case study development. In Witold Abramowicz, John Domingue, Krzysztof Wecel (Eds.): Business Information Systems Workshops - BIS 2012 International Workshops and Future Internet Symposium, Vilnius, Lithuania, May 21-23, 2012 Revised Papers. Springer: http://link.springer.com/chapter/10.1007%2F978-3-642-34228-8_18#page-1.

 

Scheruhn, Hans-Jürgen, Fallon, Richard., von Rosing, Mark (2014). Information Modelling and Process Modelling. In: Rosing, M., Scheel,H., Scheer, A-W. (Hrsg.), The Complete Business Process Handbook. Body of Knowledge from Process Modelling to BPM Volume 1. Elsevier, dort S. 511-550.

 

Sicorello, Sandro (2013). ERP Lehre an deutschen Hochschulen im Vergleich mit der Hochschule Harz. Master Thesis.