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Interview mit Dr. Gudrun Stahn: Wie StudienabbrecherInnen ihre persönliche Krise hinter sich lassen

Hochschule Harz Thema Studienabbrecher Gudrun Stahn
Seit Januar 2013 berät ein Team von Arbeits- und Organisationspsychologinnen um Dr. Gudrun Stahn Studienabbrecherinnen und Studienabbrecher im nördlichen Sachsen-Anhalt. Zunächst förderte das Ministerium für Arbeit und Soziales mit Mitteln des Landes Sachsen-Anhalt und des Europäischen Sozialfonds die Arbeit der Magdeburger.

Anfang Januar 2015 befand das Bundesministerium für Bildung und Forschung das Beratungskonzept für so überzeugend, dass die Arbeit der MA&T Organisationentwicklung GmbH seit Juli 2015 im Rahmen der Projektfamilie „Jobstarter“ fortgesetzt wird. Das Konzept wird maßgeblich erweitert und um neue Komponenten vor allem für die Unternehmenskooperation angereichert. Inzwischen beantwortet Dr. Gudrun Stahn Anfragen anderer Projekte und Initiativen aus ganz Deutschland, wie Studienabbrecherinnen und Studienabbrechern in ihrer persönlichen Krise zu helfen ist. Mit Ihrer Erfahrung und Ihrem Wissen unterstützt Dr. Gudrun Stahn auch die Forschung der Hochschule Harz zum Thema Studienabbrecherinnen und Studienabbrecher.

Frau Dr. Stahn, was macht Ihr Beratungsangebot für Studienabbrecherinnen und Studienabbrecher aus?

Es ist ein intensives Karriere-Coaching, wie es Hochschulen und Arbeitsagenturen so nicht leisten könnten. Drei Psychologinnen mit systemischen Zusatzausbildungen führen es nach einer spezifischen Konzeption durch. Die Betroffenen kommen bis zu acht Mal für ein bis zwei Stunden zu uns. Und wir stellen in vielen Fällen direkte Kontakte zu geeigneten Unternehmen her.  

Sie selbst setzen sich schon seit 2011 mit Studienabbrecherinnen und Studienabbrechern auseinander. Das liegt einige Jahre vor dem Start einschlägiger Programme. 

Ja, das Thema beschäftigt unser Team schon seit langem. Der Gedanke, dass es eine Gruppe von jungen Leuten mit riesigen Potenzialen gibt, die noch nicht ihre Berufung gefunden haben und deshalb Regale einräumen, hat uns motiviert, in dieser Richtung etwas zu unternehmen.  

Wie sind Sie vorgegangen?

Durch Gespräche mit Hochschulen und der Agentur für Arbeit haben wir ausgelotet, was Studienabbrecherinnen und Studienabbrecher eigentlich brauchen. Danach folgte eine konzeptionelle Entwicklungszeit von sechs Monaten für das Karriere-Coaching. Diese Zeit war Gold wert.  

Worum geht es in Ihrem Coaching?

Das ist individuell sehr unterschiedlich und hängt stark vom Bedarf ab. Wichtig ist, dass sich Studienabbrechende der eigenen Situation, aber auch der eigenen Stärken bewusst werden. Was ist wodurch passiert? Wie ist meine aktuelle Situation? Wo liegen meine Interessen, und was kann ich daraus machen? Wie sieht mein Weg aus dem Tal aus?  

Das klingt nach starken Selbstzweifeln.

Studienabbrecherinnen und Studienabbrecher kommen zu uns in einer persönlichen Übergangssituation, vielleicht sogar in einer Krisensituation, die wir versuchen gemeinsam zu bewältigen. Erst dann, wenn sie sich mittels einer Kompetenzanalyse eigene Stärken klarmachen, können sie erhobenen Hauptes nach vorn schauen und sagen: Jetzt weiß ich, wofür ich mich bewerbe.  

Wie viele entscheiden sich für eine Ausbildung?

Etwa 25 Prozent. Es sind aber weit mehr, die diese Möglichkeit zumindest ins Auge fassen – ich schätze etwa 50 Prozent. Und: Viele Studienabbrecherinnen und Studienabbrecher halten sich durchaus die Möglichkeit offen, nach der Ausbildung wieder ein Studium aufzunehmen. Berufsbildungsgesetz und Handwerksordnung erlauben die Anrechnung von Vorleistungen aus dem Studium.  

Welche Rolle spielt das für Studienabbrecherinnen und Studienabbrecher?

Das ist für sie außerordentlich relevant. Es steigert ihr Selbstwertgefühl erheblich, wenn sie erkennen, dass bisher erworbenes Wissen wertvoll ist, ihre Studienleistungen akzeptiert und nachgenutzt werden. Deshalb haben wir auch im Rahmen unseres Landesprojektes ISA gemeinsam mit der IHK einen kurzen Ratgeber dazu erstellt, wie man auf verkürztem Weg zum Berufsabschluss kommen kann.  

Wie stehen Kammern und Unternehmen, also die Arbeitgeberseite, dazu?

Die Kammern und Verbände erleben wir als sehr offen. Unternehmen haben natürlich ein Interesse daran, Auszubildende so lange wie möglich an ihren Betrieb zu binden. Das ist oft Verhandlungssache. Diesen Prozess begleiten wir aber gern und versuchen, gemeinsam eine Lösung zu finden.

Informationen zu Dr. Gudrun Stahn unter http://www.ma-t.de

Informationen zur Hochschulforschung zum Thema Studienabbrecherinnen und Studienabbrecher unter https://www.hs-harz.de/hochschule/einrichtungen/transferzentrum/hochschulforschung-studienabbrecher/