IHK-Forschungspreisträgerin und Promovendin Anjali Wankhede im Interview
Als Anjali Wankhede vor fast vier Jahren die 2,4 Millionen Einwohner-Metropole Nagpur in Indien verließ, um an der Hochschule Harz in Wernigerode zu studieren, ahnte sie nicht, wie nachhaltig diese Entscheidung ihre Karriere vorantreiben würde. Sie hat nicht nur ihr Masterstudium Technisches Innovationsmanagement abgeschlossen, sondern mit ihrer Masterarbeit auch den IHK-Forschungspreis 2025 samt Preisgeld in Höhe von 2.000 Euro gewonnen. Aktuell promoviert sie in Wernigerode und ist Stipendiatin der Internationalen Graduiertenakademie (InterGrad-EGD), einem Verbundprojekt der Hochschulen Harz, Anhalt, Magdeburg-Stendal und Merseburg. Warum sie ihren Umzug nach Deutschland als beste Entscheidung ihres Lebens bezeichnet, wie sie mit ihrer Forschung einen Beitrag zur Energiewende und dem Klimaschutz leisten möchte, welche ambitionierten Zukunftspläne sie hat und welchen Ratschlag sie jungen Menschen gibt, die sich mit ihrer Lebensplanung unsicher sind, verrät die 28-Jährige im Interview.
Du bist im April 2022 nach Deutschland gekommen. Wie schaust du heute auf die Entscheidung zurück, dein Heimatland Indien verlassen zu haben?
Ich hatte damals etwas Angst vor einem Neuanfang, da ich in Indien einen festen Job bei einem Pharmaunternehmen hatte. Aber ich habe mich getraut, das Risiko einzugehen und zu entdecken, was außerhalb Asiens liegt. Ich habe noch immer die Bordkarte von diesem Flug, denn ich glaube, dass dies die beste Entscheidung meines Lebens war.
Wie erlebst du dein neues Leben in einem Land, das sich von deiner Heimat so sehr unterscheidet?
Indien ist kulturell sehr vielfältig, daher gibt es viele bedeutende Unterschiede. Diese verschiedenen Lebensweisen selbst zu erleben, hat mir aber sehr geholfen, mein Denken und meine Perspektive zu erweitern. Ich glaube, ich bin mittlerweile sogar ziemlich germanisiert. (lacht) Ich gewöhne mich langsam an die Kälte und ich mag es sehr, um 16 Uhr mit meinen deutschen Freunden Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen. Ich schätze es zudem sehr, dass Frauen hier gleichberechtigt mit Männern behandelt werden, insbesondere im akademischen Bereich. Es ist schön zu sehen, dass es hier viele weibliche CEOs und Dekaninnen gibt. Darüber hinaus schätze ich die Ehrlichkeit und Geradlinigkeit der Deutschen im Allgemeinen sehr, denn ehrliches Feedback finde ich wirklich toll. Natürlich vermisse ich meine Familie, insbesondere meine Mutter, der ich sehr nahe stehe. Aber wie man auf Deutsch sagt: Es ist, wie es ist.
Du hast den englischsprachigen Masterstudiengang Technisches Innovationsmanagement an der Hochschule Harz mittlerweile abgeschlossen. Welche Erkenntnisse hast du während dieser Zeit gewonnen?
Ich habe verschiedene Kurse kennengelernt, von IT-bezogenen Themen bis hin zu Nachhaltigkeit und einigen Aspekten des Projektmanagements. Am meisten habe ich wohl im Bereich Nachhaltigkeit gelernt, da deren Definition in Deutschland eine ganz andere ist als in Indien. Ich denke, Nachhaltigkeit ist hier mittlerweile zu einer Lebenseinstellung geworden, da sie hier schon vor langer Zeit begonnen hat. Deutschland kann meiner Meinung nach für viele Länder, insbesondere für Indien, ein gutes Vorbild sein.
In deiner Masterarbeit, mit der du den IHK-Forschungspreis 2025 gewonnen hast, befasst du dich mit Lösungen für das Energiemanagement in Privathaushalten in Deutschland. Welchen Beitrag kann deine Arbeit im Bereich der nachhaltigen Energieversorgung leisten?
Technologien wie Photovoltaik und Batteriespeicher sind bereits dafür bekannt, dass sie den Energieverbrauch senken und die Stromkosten reduzieren. Meine Arbeit trägt dazu bei, ein tieferes Verständnis dafür zu vermitteln, wie diese Technologien intelligent gesteuert und in den Alltag integriert werden können, damit sie wirklich den Menschen dienen und nicht umgekehrt. Sie zeigt, wie Haushalte durch die intelligente Steuerung von PV-Anlagen, Batterien und flexiblen Lasten einen höheren Eigenverbrauch erzielen, die Netzlast reduzieren und die CO₂-Emissionen senken können. Auf persönlicher Ebene war diese Arbeit mein Weg, die Energiewende in die Haushalte zu bringen – in den Alltag von Familien, Mietern und Hausbesitzern. Wenn meine Arbeit auch nur einen kleinen Schritt dazu beiträgt, nachhaltige Energie zugänglicher, intuitiver und menschenzentrierter zu machen, dann hat die Arbeit genau das erreicht, was ich mir erhofft hatte.
Was war deine persönliche Motivation, sich auf ein Thema aus dem Bereich Zukunftsenergie und Nachhaltigkeit zu konzentrieren?
Als ich im Dezember 2023 mit meiner Abschlussarbeit begann, waren noch immer die Auswirkungen der globalen Energiekrise, ausgelöst durch den russischen Überfall auf die Ukraine, zu spüren. Der starke Anstieg der Strompreise machte die Energiekrise für viele Menschen in meinem Umfeld erstmals sehr real. Zu sehen, wie etwas so Grundlegendes wie Strom im Winter zu einer Quelle der Angst werden kann, hat mich dazu motiviert, an konkreten Lösungen zu arbeiten, die Haushalten helfen, Energie intelligenter zu nutzen, Kosten zu senken und dennoch die Energiewende zu unterstützen. Gleichzeitig hat mir die Klimakrise bewusst gemacht, dass Nachhaltigkeit nicht nur ein akademisches Thema ist, sondern eine persönliche Verantwortung unserer Generation. Besonders bewegt haben mich die Worte des britischen Polarforschers und Umweltschützers Robert Swan: „Die größte Bedrohung für unseren Planeten ist der Glaube, dass jemand anderes ihn retten wird.“ Das ist für mich genau der Grund, warum ich dieses Thema gewählt habe.
Du bist derzeit Doktorandin am Promotionszentrum Ingenieurwissenschaften und Informationstechnologien (IWIT). Was hat dich motiviert, diesen Weg einzuschlagen und einen Doktortitel anzustreben?
Die Promotion am IWIT hängt eng mit meiner Erziehung und dem zusammen, was ich während meines Studiums über mich selbst gelernt habe. Meine Mutter hat mir immer beigebracht, dass Bildung ein Privileg ist, da sie selbst nie Zugang zu solchen Möglichkeiten hatte, und ich habe mir das sehr zu Herzen genommen. Während meiner ersten umfangreichen Projektarbeit habe ich die Arbeit an Forschungsthemen intensiv kennengelernt und festgestellt, dass mir diese Art von strukturierter Neugier und tiefem Denken mehr Frieden und Erfüllung bringt als alles andere. Und das möchte ich mit der Promotion vertiefen.
Auf welches Thema konzentrierst du dich in deiner Dissertation?
Meine Dissertation befasst sich damit, wie kleine und oft abgelegene Seen zu den globalen Methan-Emissionen beitragen. Damit sind sie Teil des Treibhausgaszyklus, der in den aktuellen Bestandsaufnahmen aber noch unterrepräsentiert ist. Ich kombiniere In-situ-Messungen, also Messungen direkt vor Ort, mit modernen Satellitenbeobachtungen, um Methan-„Hotspots” besser zu erkennen und die Genauigkeit von Klimabewertungen zu verbessern.
Du wirst während deiner Promotionszeit auch im Rahmen der Internationalen Graduiertenakademie (Projekt InterGrad-EGD) gefördert. Welche Erfahrungen hast du bisher gesammelt?
Die Teilnahme am InterGrad-EGD-Projekt fühlt sich an, als würde man in eine große wissenschaftliche Familie aufgenommen werden, die die Werte einer nachhaltigen Zukunft und des European Green Deals teilt, einem Maßnahmenpaket der Europäischen Kommission, das auf ein klimaneutrales Europa bis 2050 abzielt. Eines meiner Highlights war im Herbst 2025 die zusammen mit dem EU-Hochschulnetzwerk Sachsen-Anhalt organisierte Delegationsreise nach Brüssel mit Besuch der Europäischen Kommission. Am meisten aber hat mich die Möglichkeit motiviert, meine eigene Doktorarbeit mit einer internationalen Forschergemeinschaft zu verbinden und von verschiedenen Disziplinen und Perspektiven zu lernen. Die bisherigen „InterGrad-Campus“-Veranstaltungen und der damit verbundene Austausch waren eine sehr positive Erfahrung: Zu sehen, wie andere Doktoranden ihre Projekte vorstellen, die Geschichten und „Forschungshirne“ hinter ihren Ideen zu hören und gemeinsam unsere Herausforderungen und Zweifel zu diskutieren, hat mich inspiriert, noch härter und überlegter an meiner eigenen Dissertation zu arbeiten.
Was sind deine Zukunftspläne nach erfolgreichem Abschluss – beruflichen wie persönlich?
Nach dem Abschluss meiner Promotion möchte ich meinen Wirkungsbereich erweitern und meine akademische Laufbahn mit einer Postdoc-Stelle in Psychologie fortsetzen, idealerweise an der Schnittstelle zwischen Neurowissenschaften und emotionaler Intelligenz. Psychologie ist für mich eine Möglichkeit zu lernen, achtsamer zu leben und die Innenwelten anderer Menschen zu verstehen, anstatt sie nur aus der Ferne zu studieren. Wenn ich eine Stelle finde, die es mir ermöglicht, diese Themen vertieft zu erforschen, wäre ich sehr dankbar, diesen Weg einschlagen zu können. Wenn nicht, träume ich davon, etwas Eigenes aufzubauen: ein Unternehmen auf der Grundlage der Wirtschaftspsychologie, in dem ich emotional sichere und fördernde Beziehungen schaffen kann. In beiden Fällen ist mein berufliches und persönliches Ziel dasselbe: mit Wissen und Empathie das Leben der Menschen ein wenig leichter, verständlicher und verbundener zu machen.
Du bist sehr entschlossen in deiner Zukunftsplanung und deine Entscheidung, dein Land zu verlassen, um dir in Deutschland eine Karriere aufzubauen, war sehr mutig. Hast du einen Rat für junge Menschen, die noch unsicher sind, wie sie ihr Leben gestalten wollen?
Ich erinnere mich noch gut an den Tag, an dem ich mich entschied, mich an der Hochschule Harz zu bewerben. Und an den Tag, an dem ich meinen sicheren Job in Indien kündigte. Ich hatte große Angst, besonders als ich im Flugzeug nach Deutschland saß und mich fragte, ob ich einen großen Fehler machte. Aber irgendwann muss man einen kleinen Schritt nach vorne machen, die Angst überwinden, alles voll und ganz spüren, und erst dann findet man langsam heraus, wie es weitergeht. Genau das ist mir passiert, und ich habe mir selbst versprochen, zu fast jeder Gelegenheit „Ja“ zu sagen, sei es im sozialen oder akademischen Bereich, um zu wachsen und neue Perspektiven zu gewinnen. Jungen Menschen, die sich über ihren Weg unsicher sind, würde ich sagen: Wartet nicht, bis ihr keine Angst mehr habt, und hört nicht auf, euch anzustrengen. Bleibt neugierig, probiert Dinge aus und erlaubt euch, bei Bedarf die Richtung zu ändern – denn ihr habt nur dieses eine Leben, um herauszufinden, wer ihr werden wollt.
09.01.2026
Author: Karoline Klimek
Image author: © Sarah Stika, IHK Magdeburg
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