Nahaufnahme einer Cyanotypie mit vielen Gegenständen aus der Natur und zwei Händen.

Bilder lesen lernen: Wie ein Fotografie-Workshop den Blick schärft

Wie Fotos entstehen, wirken und gelesen werden können

Was ein Bild zeigt – und was wir dabei übersehen. Genau an diesem Gedanken setzt Fotoskopia an. Hinter dem Projekt steht die Idee, Ausstellungen und Vermittlungsformate rund um zeitgenössische Fotografie zu entwickeln und dabei der Frage nachzugehen, wie Bilder unsere Wahrnehmung prägen. Im Rahmen der Projektwoche des Gymnasiums Wernigerode organisierte Fotoskopia gemeinsam mit der Hochschule Harz einen Workshop für eine 7. Klasse. Nicht die Kameratechnik stand dabei im Mittelpunkt, sondern die Frage, wie Bilder entstehen, wirken und gelesen werden können.

Vom Betrachten zum Beobachten

Der Workshop begann im Schiefen Haus mit einem Besuch der aktuellen Fotoskopia-Ausstellung. Zwischen den Fotografien entstanden schnell Gespräche darüber, warum manche Bilder Aufmerksamkeit auf sich ziehen, andere irritieren oder Fragen offenlassen. Anschließend griffen die Schülerinnen und Schüler selbst zum Smartphone. Die entstandenen Fotografien wurden gemeinsam betrachtet – nicht mit Blick auf technische Perfektion, sondern auf ihre Wirkung: Welche Geschichte erzählt ein Bild? Welche Entscheidungen stecken darin? Und was bleibt außerhalb des Bildausschnitts?

Aus diesen Gesprächen entwickelte sich beinahe selbstverständlich ein Nachdenken über Bildkompetenz. Jedes Foto zeigt etwas – und blendet zugleich anderes aus. Genau diese Erfahrung beschrieb Elisa Lehmann, Lehrerin am Gymnasium Wernigerode: „Man merkt schnell, dass ein Foto nie einfach nur zeigt, was da ist. Es entscheidet auch, was man nicht sieht – das war vielen Schülerinnen und Schülern neu.“

Fotografie neu entdecken

Im zweiten Teil des Workshops wechselte die Klasse in die Labore der Medieninformatik der Hochschule Harz. Dort lernten die Schülerinnen und Schüler die Cyanotypie kennen – eines der ältesten fotografischen Verfahren überhaupt.

Papier wird dabei mit einer lichtempfindlichen Eisensalzlösung beschichtet. Unter UV-Licht färben sich die belichteten Flächen tiefblau, während abgedeckte Bereiche hell bleiben. Durch das Auflegen von Gegenständen oder Negativen entstehen Bilder allein durch das Zusammenspiel von Licht und Material.

Das historische Verfahren machte anschaulich, dass Fotografie weit mehr ist als digitale Technik. Es eröffnete einen anderen Zugang zum Medium und lenkte den Blick auf grundlegende Fragen: Wann beginnt eigentlich ein Bild? Welche Rolle spielen Licht, Material und Zufall? Und wie verändert sich unsere Wahrnehmung, wenn wir den Entstehungsprozess selbst erleben?

Bilder hinterfragen

Wer heute fotografiert, veröffentlicht oft gleichzeitig. Bilder begleiten politische Debatten, prägen Erinnerungen und bestimmen den Alltag in sozialen Medien. Umso wichtiger wird die Fähigkeit, Fotografien nicht nur zu betrachten, sondern auch ihre Entstehung, ihre Aussage und ihre Wirkung zu reflektieren.

Für Anika Spereiter, zusammen mit Tim Bruns kuratorische Leitung von Fotoskopia, geht es dabei vor allem darum, einen kritischen Umgang mit Bildern zu fördern: „Kulturelle Bildung bedeutet für uns, junge Menschen darin zu stärken, Bilder nicht nur zu betrachten, sie zu liken und zu teilen, sondern sie zu hinterfragen. Wir möchten sie dazu anregen, sich mit der Wirkung von Fotografie, ihrer gesellschaftlichen Bedeutung und der Verantwortung beim Produzieren und Veröffentlichen von Fotos auseinanderzusetzen.“

Der Workshop verstand sich deshalb nicht als Einführung in die Fotografie, sondern als Einladung zum genauen Hinsehen. Wer lernt, Bilder aufmerksam zu lesen, entwickelt nicht nur ein Verständnis für fotografische Gestaltung, sondern auch einen kritischeren Blick auf die Bilder, die uns täglich begegnen.

Was bleibt

Vielleicht war genau das die wichtigste Erkenntnis dieses Tages: Ein Bild zeigt nie einfach die Wirklichkeit. Es ist immer das Ergebnis von Entscheidungen – darüber, was sichtbar wird und was verborgen bleibt.

Sehen lernt man nicht mit einer Kamera. Sondern indem man sich Zeit nimmt, genauer hinzuschauen.

07.09.2026
Author: Tim Bruns
Image author: © Andreas Schubert
Image rights: © Hochschule Harz

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Tim Bruns

Künstlerischer Mitarbeiter im Studiengang Medieninformatik

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