Fünf Professorinnen der Hochschule Harz sprechen über ihre Karrierewege sowie damit verbundene Herausforderungen und Chancen.
Frauen sind in der Wissenschaft heute in allen Disziplinen tätig – sie forschen, lehren und übernehmen Führungsverantwortung. Dennoch stehen Wissenschaftlerinnen in der öffentlichen Wahrnehmung häufig weniger im Fokus als ihre männlichen Kollegen. Die digitale Ausstellung „Frauen gestalten Wissenschaft“ möchte dazu beitragen, Professorinnen an Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW) in Sachsen-Anhalt sichtbarer zu machen.
Entwickelt wurde die virtuelle Ausstellung im Rahmen des Verbundprojekts CASE, in dem die Hochschulen Harz, Anhalt, Magdeburg-Stendal und Merseburg zusammenarbeiten. Insgesamt werden 18 Professorinnen der beteiligten Hochschulen auf der Website www.frauen-gestalten-wissenschaft.de portraitiert. Anhand von Fotografien sowie originalen und eingesprochenen Audio-Zitaten blickt die Ausstellung auf authentische Biografien. „Besucherinnen und Besucher bekommen hier echte Einblicke in Karrierewege, die manchmal geradlinig, oft aber auch voller Umwege und durchaus überraschend verlaufen sind. Genau das macht die Ausstellung so wertvoll“, beschreibt Dr. Carolin Haupt, Referentin für Nachwuchsförderung und Chancengerechtigkeit an der Hochschule Harz, die Besonderheit des digitalen Angebots.
Die Hochschule Harz ist mit Prof. Dr. Andrea Heilmann (Professur für Umwelttechnik und Umweltmanagement), Prof. Dr. Angela Kolb-Janssen (Professur für Verwaltungsrecht), Prof. Dr. Ulrike Starker (Professur für Wirtschaftspsychologie), Prof. Dr. Kerstin Schneider (Professur für Datenbanken) und Prof. Dr. Louisa Klemmer (Professur für Betriebswirtschaftslehre und Tourismusmanagement) vertreten. Ihre Porträts verdeutlichen die Vielfalt wissenschaftlicher Laufbahnen. Dabei stehen individuelle Erfahrungen sowie persönliche Perspektiven und Karriereverläufe im Mittelpunkt.
„Für mich ist die Professur ein echter Traumjob. Man kann selbstbestimmt arbeiten, hat große Gestaltungsmöglichkeiten und kann sich genau in den Themen engagieren, die einen begeistern und auch die Gesellschaft verbessern“, wird Prof. Dr. Andrea Heilmann in der Ausstellung zitiert. Ihre Kolleginnen zeigen sich ebenfalls dankbar für die Freiheiten an der Hochschule sowie den abwechslungsreichen Berufsalltag. Sie thematisieren darüber hinaus weitere Vorteile der Professur, den Spaß an der Verbindung von Lehre und Forschung, die notwendige familiäre Unterstützung und die Bedeutung von persönlichen Netzwerken.
Ebenfalls aufgegriffen werden Überlegungen zum Verstehen sowie zum Überwinden von strukturellen Problemen in diesem Kontext. „Auch ich habe die Erfahrung gemacht, dass man als Frau mehr leisten muss, um zu erreichen, was man sich vorgenommen hat. Deshalb dürfen sich Frauen nicht entmutigen lassen. Mein Motto war immer ‚Geht nicht gibt`s nicht`, also nicht aufgeben, auch wenn es schwierig wird“, macht Prof. Dr. Angela Kolb-Janssen jungen Frauen Mut, ihre Lebenswege trotz möglicher Hindernisse selbstbewusst zu gestalten.
Bislang sei die Realität jedoch ernüchternd. „Zwar erwerben Frauen inzwischen mehr als die Hälfte aller Studienabschlüsse und knapp die Hälfte der Promotionen, bei Professuren sind sie jedoch nach wie vor deutlich unterrepräsentiert“, erklärt Carolin Haupt. „Bundesweit liegt der Anteil weiblicher Professoren bei lediglich rund 30 Prozent, an den Hochschulen für Angewandte Wissenschaften oft noch darunter.“ In der Wissenschaft wird dieses Muster als „Leaky Pipeline“ benannt und bezeichnet den Umstand, dass der Frauenanteil mit jeder weiteren Karrierestufe sinkt. Als mögliche Ursachen werden unter anderem strukturelle Hürden diskutiert.
„Befristete Stellen sind in der Wissenschaft die Regel – gerade in der Postdoc-Phase kann das aber die Lebensplanung erschweren, etwa wenn Karriereschritte und Familienplanung zeitlich zusammenfallen“, sagt die Referentin für Nachwuchsförderung und Chancengerechtigkeit. „Hinzu kommt eine Wissenschaftskultur, die ständige Verfügbarkeit und Präsenz als Zeichen wissenschaftlicher Eignung wertet – ein Ideal, das kaum mit Care-Arbeit vereinbar ist und historisch an männlichen Lebensmodellen ausgerichtet wurde.“
Eine Rolle spielen zudem das „Old Boys Network“, wie Carolin Haupt erläutert. „Karrieren in der Wissenschaft hängen auch von informellen Kontakten ab, etwa davon, wer zu Tagungen mitgenommen oder für eine Stelle empfohlen wird. Weil Männer in leitenden Positionen bislang in der Mehrheit sind, profitieren davon oft eher männliche Nachwuchskräfte." Darüber hinaus seien Berufungsverfahren und Karrierewege für Außenstehende oft wenig transparent. „Wer die ungeschriebenen Regeln nicht kennt, hat es schwerer", ist sich die CASE-Mitarbeiterin sicher.
Die Ausstellung „Frauen gestalten Wissenschaft“ verstehe sich „als struktureller Beitrag zur Förderung von Chancengleichheit“. Sie verfolge vor allem das Ziel, „Professorinnen sichtbarer zu machen und Orientierung für Menschen zu bieten, die sich für eine wissenschaftliche Laufbahn interessieren“, sagt Carolin Haupt vom CASE-Team. „Sichtbarkeit ist kein Selbstzweck. Sie wirkt. Wenn junge Forscherinnen in frühen Karrierephasen erleben, dass Frauen in Wissenschaft und Forschung erfolgreich sind – in Interviews, auf Podien, in den Medien –, vermittelt das eine einfache, aber mächtige Botschaft: Auch ich kann diesen Weg gehen!“
Damit wolle das CASE-Team auch dem Matilda-Effekt begegnen, einem Phänomen, das die systematische geringere Wahrnehmung oder Anerkennung wissenschaftlicher Leistungen von Frauen beschreibt. „Sichtbare Vorbilder sind keine Nebensache – sie sind eine Voraussetzung für echte Chancengleichheit. Wer keine Frauen in der Wissenschaft sieht, kann sich auch nicht vorstellen, selbst eine zu werden.“
Das Verbundprojekt CASE (Center of Advanced Scientific Education) wird gemeinsam von den Hochschulen Anhalt, Harz, Magdeburg-Stendal und Merseburg umgesetzt. Ziel ist es, die Qualität von Lehre, Forschung und Transfer nachhaltig zu stärken. CASE wird im Rahmen des Förderprogramms FH-Personal des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) von 2021 bis 2027 gefördert.
01.09.2026
Author: Karoline Klimek
Image author: © Anne Schwerin
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