Digitale Souveränität als Strategie

Prof. Frederik Kramer über unabhängige IT-Landschaften

Deutschland war über Jahrzehnte das Land der Dichter, Denker und Ingenieure. Buchdruck, Automobil, chemische Industrie oder frühe Computertechnik – viele technologische Durchbrüche wären ohne deutschen Erfindergeist kaum denkbar gewesen. Doch während wir die industrielle Moderne maßgeblich mitgestaltet haben, stammen die prägenden Technologien des Digitalzeitalters heute überwiegend aus den USA und zunehmend aus China. Europa – und insbesondere Deutschland – spielt dabei meist nur noch eine Nebenrolle.

Zwar verfügt Deutschland mit der SAP über ein international bedeutendes Softwareunternehmen, doch selbst dieses ist gemessen an den großen US-Technologiekonzernen vergleichsweise klein. Gleichzeitig wächst unsere Abhängigkeit von außereuropäischen Plattformen, Betriebssystemen, Cloud-Infrastrukturen und KI-Modellen in nahezu allen Lebens- und Wirtschaftsbereichen kontinuierlich.

Daten und Plattformen entscheiden über Macht

Diese Entwicklung ist nicht nur ein wirtschaftliches Problem, sondern zunehmend eine Frage staatlicher und gesellschaftlicher Souveränität. Information ist der entscheidende Rohstoff des 21. Jahrhunderts – und zugleich ein besonderer. Anders als klassische Produktionsfaktoren verliert Information durch Nutzung nicht an Wert, sondern gewinnt meist sogar an Bedeutung. Wer Plattformen kontrolliert, kontrolliert Märkte, Kommunikationswege, Datenströme und damit zunehmend auch wirtschaftliche und politische Handlungsspielräume.

Besonders gefährlich wird dies durch die Mechanismen der Plattformökonomie. Digitale Plattformen funktionieren nach dem Prinzip maximaler Skalierung: Ist erst eine kritische Masse an Nutzern erreicht, entstehen enorme Wechselkosten. Anbieter locken Kunden zunächst mit kostenlosen oder stark subventionierten Angeboten an. Da die Grenzkosten digitaler Produkte oft nahezu null betragen, ist dieses Vorgehen hochprofitabel. Sobald Unternehmen, Behörden oder Privatpersonen tief in eine Plattform integriert sind, wird der Wechsel teuer, kompliziert oder praktisch unmöglich.

Europas strukturelle Versäumnisse

Genau diese Abhängigkeiten haben wir in Europa über Jahre hinweg zugelassen. Viele Softwarelösungen werden ausschließlich für proprietäre Plattformen entwickelt und verstärken deren Marktmacht zusätzlich. Selbst dort, wo technisch offene und plattformunabhängige Lösungen möglich wären, dominieren geschlossene Ökosysteme amerikanischer Anbieter.

Im Alltag fällt diese Abhängigkeit oft kaum auf – ähnlich wie lange Zeit die wachsende Dominanz asiatischer Hardwareproduktion ignoriert wurde. Doch die Risiken sind real. Denn die großen Plattformanbieter unterliegen primär US-amerikanischem Recht und verfolgen selbstverständlich zuerst ihre eigenen wirtschaftlichen und geopolitischen Interessen. Gleichzeitig fließen erhebliche Teile der digitalen Wertschöpfung und Steuerlasten aus Europa ab.

Digitale Infrastruktur als Risiko

In Zeiten geopolitischer Spannungen wird daraus eine strategische Verwundbarkeit. Die weltweiten IT-Ausfälle infolge der CrowdStrike-Panne im Juli 2024 haben gezeigt, wie schnell zentrale Infrastrukturen beeinträchtigt werden können. Flughäfen, Krankenhäuser, Banken und Unternehmen waren betroffen. Ähnliche Vorfälle bei Cloudflare oder anderen globalen Plattformbetreibern verdeutlichen, wie konzentriert und fragil unsere digitale Infrastruktur inzwischen geworden ist.

Was heute noch durch menschliches Versagen ausgelöst wird, kann morgen gezielt als wirtschaftliches oder geopolitisches Druckmittel eingesetzt werden. Deshalb sprechen manche Fachleute bereits von Europa als einer »digitalen Kolonie«. Dieser Begriff mag zugespitzt wirken, beschreibt aber eine reale Entwicklung: Wir konsumieren digitale Technologien in großem Umfang, kontrollieren jedoch immer weniger deren Grundlagen.

Wie gewinnen wir digitale Souveränität zurück?

Der erste Schlüssel ist Bildung. Bereits in Schulen und Ausbildungseinrichtungen sollte stärker auf offene Technologien und digitale Selbstbestimmung geachtet werden. Schülerinnen und Schüler müssen nicht zwangsläufig an proprietären Plattformen lernen. Wer Tabellenkalkulation, Programmierung oder digitale Zusammenarbeit versteht, kann dies ebenso mit offenen Systemen wie Linux oder LibreOffice erlernen. Damit reduzieren wir langfristig gesellschaftliche Abhängigkeiten und fördern technisches Verständnis statt bloßer Produktbindung.

Ebenso entscheidend ist die konsequente Stärkung der MINT-Fächer sowie der Aufbau digitaler Kompetenzen in der Breite der Gesellschaft. Eine souveräne digitale Gesellschaft darf Technologie nicht nur konsumieren, sondern muss sie verstehen, weiterentwickeln und selbst gestalten können. Noch nie waren Wissen, Lernangebote und technologische Werkzeuge so zugänglich wie heute. Mit Neugier, Motivation und Mut zur Eigenverantwortung kann Deutschland hier wieder aufholen.

Technologische Unabhängigkeit verankern

Auch Unternehmen stehen in der Verantwortung. Niemand wird sich kurzfristig vollständig von US-Plattformen lösen können. Doch digitale Souveränität beginnt bereits dort, wo Informationssysteme strategisch geplant, eigene Kompetenzen aufgebaut und Alternativen bewusst geprüft werden. Dazu gehören Investitionen in qualifiziertes Personal, technologische Eigenständigkeit und der sachkundige Einsatz künstlicher Intelligenz – möglichst auf offenen und kontrollierbaren Plattformen.

Der Staat wiederum muss endlich vom Verwalter zum aktiven Gestalter werden. Öffentliche Beschaffung darf sich nicht allein am kurzfristig günstigsten Angebot orientieren, sondern muss langfristige Souveränität, Offenheit und Nachhaltigkeit berücksichtigen. Politik und Verwaltung müssen digitale Transformation endlich konsequent vorleben, statt sie lediglich in Strategiepapiere zu schreiben.

Appell an die Wirtschaft und Gesellschaft

An die Unternehmerinnen und Unternehmer unseres Landes: Digitale Souveränität wird nicht durch Sonntagsreden entstehen. Sie entsteht durch konkrete Entscheidungen in Unternehmen, Verwaltungen, Schulen und Institutionen. Durch Investitionen in Bildung, offene Technologien, eigenes Know-how und mutige Innovationen. Deutschland verfügt weiterhin über enormes Potenzial – technologisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich. Doch wir müssen wieder lernen, dieses Potenzial gemeinsam, souverän und entschlossen einzusetzen. Nicht Abhängigkeit darf unser digitales Zeitalter prägen, sondern Gestaltungswille. Jetzt ist der Zeitpunkt, Verantwortung zu übernehmen – bevor aus digitaler Bequemlichkeit dauerhafte digitale Ohnmacht wird.


Dieser Artikel ist zuerst erschienen in der Zeitschrift "Der Markt in Mitteldeutschland - Mitteilungen der Industrie- und Handelskammer Magdeburg" - Ausgabe 6-7-8/2026.

 

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Prof. Dr.-Ing. Frederik Kramer forscht und lehrt am Fachbereich Automatisierung und Informatik und ist einer der Leiter des Projekts "Gründerwald" an der Hochschule Harz. Zu seinen Forschungsinteressen gehören unter anderem IT-Strategie & Softwareentwicklung, Open-Source-Software (ERP, CRM, E-Commerce) und digitale Souveränität sowie Unternehmensführung und Unternehmensgründung. Nach seinem Abschluss als Diplom-Wirtschaftsinformatiker an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, schloss er 2016 seine Promotion mit dem Titel "Strategic System Landscape Engineering" mit der Auszeichnung "magna cum laude" ab. Zudem ist Geschäftsführer und Gründer der initOS GmbH, die IT-Beratung und Open-Source-Software für kleine und mittelständische Unternehmen anbietet. 

24.09.2026
Author: Prof. Dr.-Ing. Frederik Kramer
Image author: © KI-generiert mit ChatGPT durch Mark Winter, Hochschule Harz
Image rights: © Hochschule Harz

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