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Hochschule Harz

Fachbereich Verwaltungswissenschaften

Domplatz 16

38820 Halberstadt


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Geschichte und Architektur der Hochschule am Domplatz

Am 10. Juni 2004 wurde der Neubau der Hochschule Harz am Domplatz in Halberstadt feierlich eröffnet – Ein historischer Moment, der Hochschulgeschichte geschrieben hat.
Wären die Standorte der Hochschule Harz zwei Schwestern, so wäre Wernigerode die Schöne und Strahlende. Besondere Unterstützer aber sahen in ihrer bis dahin eher unscheinbaren Schwester Halberstadt großes Potenzial. Zu ihnen zählte unter anderem NOSA-Geschäfts-führer Dietz Kagelmann. In seiner Festrede anlässlich der feierlichen Eröffnung blickte er zurück auf den 29. September 2002, als im Kultusministerium des Landes Sachsen-Anhalt das Ende Halberstadts als Hochschulstandort fast besiegelt schien.

Die Pläne sahen vor, den Fachbereich Verwaltungswissenschaften nach Wernigerode zu verlagern. Gemeinsam mit dem damaligen Oberbürgermeister Hans-Georg Busch schlug der NOSA-Geschäftsführer dem damaligen Kultusminister Gerd Harms vor, kurzfristig eine Lösung zu finden, die kostengünstiger als der Umzug nach Wernigerode sein und den Fachbereich in der Domstadt halten sollte.
Innerhalb einer Frist von vier Wochen legte man zusammen mit dem Ingenieurbüro Olaf Herbst und den Architekten Ursel Hülsdell und Christoph Hallegger einen umfassenden Entwurf vor, der in nur 15 Monaten Bauzeit mit dem Neubau am Domplatz realisiert wurde.

Die Architektin Urlsula Hülsdell beschrieb die damaligen Geschehnisse rund um die Planung- und Bauzeit in Ihrem Vortrag anlässlich des 20. Jubiläums aus architektonischer Sicht und mit dem Verständnis der Bedeutung des Standortes für die Stadt Halberstadt:

„Architektur kann nicht isoliert auf ihre Gestaltung hin betrachtet werden. Sie wird bestimmt durch die Anforderungen der Benutzer, die Funktionen, die vorhandene Umgebung und die Entwicklung der Idee unter allen von außen herangetragenen Erfordernissen. Diese Faktoren führen dazu, dass ein Entwurf ständig verändert und neuen Bedingungen angepasst werden muss.

Daher beginne ich mit einem Stück Baugeschichte.
Tatsächlich begann alles mit dem Ende.

Die Hochschule Harz in Halberstadt sollte seiner sanierungsbedürftigen baulichen Hülle in der Trauteweinstraße den Rücken kehren und nach Wernigerode verlegt werden – eigentlich eine schon „von oben“ beschlossene Sache, die nur noch der Publikation bedurfte. Damit drohte nicht nur der Verlust einer erfolgreichen Institution, sondern auch der Verlust eines jungen Publikums in Halberstadt. Aber viele wollten gar nicht gerne gehen, und viele wollten sie auch gar nicht gerne gehen lassen. Da entstand die Idee, aus dem AUS für den Hochschulstandort Halberstadt einen Neustart an prominenter Stelle zu entwickeln – nämlich hier am Domplatz.

Diese Idee fand Zustimmung.
Voraussetzung: die Kosten mussten niedriger sein als die veranschlagten Kosten für die erforderlichen Räumlichkeiten beim Umzug nach Wernigerode.

Bis hierher ging es um Hochschulpolitik; aber jetzt betritt die Architektur die Bühne des Geschehens. Oder, besser gesagt, nicht die Bühne, sondern erst einmal den Raum hinter den Kulissen, die noch vom letzten Schauspiel in der vorigen Saison stehen geblieben sind: die Dompropstei und das Domgymnasium, dazwischen die zu Garagen und Lagerräumen verkommenen Reste der ehemaligen Mädchenschule. Jetzt galt es zu prüfen, ob die Hochschule hier ihre neue Identität finden könnte, ob die Räumlichkeiten ausreichend und angemessen sind und ob der festgesetzte Kostenrahmen eingehalten werden kann. Schnell war klar, dass sich die Struktur der Dompropstei gut für die Verwaltungsräume eignete und dass die Seminarräume durch einen Rückbau des Domgymnasiums in seinen ursprünglichen Zustand geschaffen werden konnten. Der Bedarf an großen Flächen für die Bibliothek, die Lehrsäle, das Audimax und die Mensa erforderte einen Neubau, der zudem die beiden vorhandenen Baukörper miteinander verbinden und die Funktion des Haupteingangs übernehmen musste. Dieser Neubau sollte allen DIN-Normen entsprechen, musste aber so preisgünstig wie möglich sein, musste sich den vorhandenen Gebäuden anpassen, sich aber nicht unterordnen, musste sich bemerkbar machen, durfte aber nicht dominant sein, sollte bequem, aber auch vandalismus-resistent sein ....

Für diese Anforderungen galt es, eine architektonische Lösung zu finden.

 

 

Die Architektur ist nicht nur ein steter Kampf mit der Schwerkraft, verbunden mit dem Ringen um das passende Baumaterial (Brockhaus), sondern ist auch eine Suche nach der Form, verbunden mit einer Odyssee durch den Inhalt. Wenn man seine Aufgabe mit der Erfüllung der baukonstruktiven und bautechnischen Erfordernisse als erledigt betrachtet, erhält man ein Gebäude. Wenn sich zum Inhalt passend eine Form findet, aus der sich eine Identität entwickelt, kann das Gebäude zum Bauwerk werden. Um ein einfaches Bild zu benutzen: ein Gebäude verhält sich im Vergleich zu einem Bauwerk wie ein Huhn zu einem Adler.

Einen Neubau als Funktionsbau an einen Platz wie den Domplatz zu setzen, ist eine delikate Aufgabe. Der Domplatz ist bestimmt durch den Dom und die Liebfrauenkirche und wird geprägt durch die Wohnbauten des Barocks und einige Funktionsbauten des 19. Jahrhunderts.
Die Dompropstei, ein Renaissance-Bau des 16. Jahrhunderts mit Sandsteinarkaden im Erdgeschoss und Schmuckfachwerk im Obergeschoss ist mit seiner Ecklage ein Bauwerk von starker Dominanz. Das Domgymnasium, ein Sandsteinbau aus dem 19. Jahrhundert, weicht ein Stück von der Platzkante zurück und wirkt durch die unmittelbare Nähe des Domes etwas unauffälliger, ist aber dennoch ein Baukörper, der in seiner Symmetrie und mit seinen Pfeilervorlagen eine große Kraft entwickelt.
Von der Mädchenschule, die sich ehemals zwischen diesen beiden Gebäuden befand, waren nur noch die Kellerräume und das Erdgeschoss übrig – mit einer Fassade aus gelbem Backstein-Sichtmauerwerk. Wir setzten uns zum Ziel, soviel wie möglich von diesen Resten der Mädchenschule zu erhalten; insbesondere, da die Aufgabe darin bestand, keinen reinen Neubau herzustellen, sondern vorhandenen Altbau zu sanieren.
Wir behielten also die Westfassade und Reste der alten Innenwände im Erdgeschoss bei und ergänzten diese durch einen Neubau, der sich seitlich versetzt neben und über den alten Mauern entwickelte.
Hier sollten die Bibliothek und zwei Lehrsäle für je 90 Personen untergebracht werden – Funktionen, mit denen 2 Geschosse zu füllen waren. Mit 2 normalen Geschossen war jedoch das Erscheinungsbild des Neubaus zwischen den beiden dominanten Altbauten zunächst sehr unbefriedigend und wir suchten nach einer Lösung, mit der der Baukörper mehr Höhe entwickeln konnte. Es kam uns dabei ein Umstand zu Hilfe, den wir zunächst für bedauerlich hielten, der in diesem Zusammenhang jedoch dazu führte, 2 Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: ursprünglich hatten wir ein Audimax geplant, das jedoch nicht ausgeführt werden sollte. Um nun dennoch Veranstaltungen mit einer großen Personenzahl durchzuführen, ordneten wir die beiden Lehrsäle im Obergeschoss so an, dass sie durch eine mobile Trennwand auch als Großraum genutzt werden können. Im gleiche Zuge führten wir die Sitzreihen als erhöhtes, ansteigendes Gestühl aus. Durch diese Erhöhung wurde auch die erforderliche Höhe des Baukörpers erreicht, der jetzt die richtige Proportion im Verhältnis zu den Altbauten aufweist.
Zur Fassadengestaltung gab es anfangs Überlegungen, Sandstein zu verwenden – das Material, das auch die Dompropstei und das Domgymnasium prägt. Ferner gab es die Möglichkeit, Ziegelsichtmauerwerk einzusetzen, das Material, mit dem die ehemalige Mädchenschule in Erscheinung trat. Wir zogen jedoch eine moderne Formensprache vor, die der Funktion Hochschule und nicht den Altbauten angepasst sein sollte. Mit der dunkelgrauen Betonsteinverkleidung biedert sich der Neubau nicht an, entwickelt eine eigene Kraft und fügt sich zurückhaltend und selbstbewusst gleichzeitig wie ein Schatten zwischen der Dompropstei und dem Domgymnasium ein.

Ganz andere Anforderungen an Inhalt und Gestaltung ergaben sich an der Südseite des Gebäudekomplexes. Ursprünglich hatten wir hier einen Baukörper geplant, der sich in ähnlicher Kubatur wie der eben beschriebene Neubau bis zur Schmiedestraße hin erstreckte. Das Raumprogramm wurde jedoch um das Audimax und die große Mensa reduziert, so dass dieser Baukörper nicht verwirklich werden konnte. Die Funktionen zur Südseite hin beschränkten sich nunmehr auf einen Verbindungsgang zwischen Dompropstei und Neubau und auf die Cafeteria. An dieser Stelle war ein möglichst niedriger Baukörper erforderlich, der zudem die Option bieten sollte, später nach Süden hin einen Anbau zu realisieren. Also war zunächst nur ein schlichter Glasgang geplant, der Alt und Neu verbinden sollte. Dann stellte sich jedoch heraus, dass die Cafeteria vergrößert werden musste. 

Eine vollwertige Mensa durfte zwar nicht sein, aber die Cafeteria sollte so dimensioniert werden, dass eine Vollküche mit allen erforderlichen Nebenräumen realisiert werden konnte. Wir mussten den Bau also wieder nach Süden hin erweitern – aber nur um das absolute Minimum, das für die Cafeteria erforderlich war. Nun stand hier aber ein Baum, Kanadischer Bergahorn, mindestens 100 Jahre alt, gesund und gut gewachsen. Wir konnten diesen Baum unmöglich für das nötige Zipfelchen Baukörper opfern – im Gegenteil, der Baum wurde zum Genius loci unserer Südseite. Genius loci – Weisheit des Ortes – für Architekten ein zentraler Bezugspunkt.

Nachdem wir also den Inhalt nach intensiven Absprachen mit den Nutzern als Grundriss zu Papier gebracht hatten, verpassten wir dem Entwurf ein Federkleid aus hellem Sandstein, unterbrochen von Stahl und Glas, berechneten Flächen und Kubikmeter, kalkulierten die Kosten und schickten unseren Adler in Vierwochen-Frist nach Magdeburg, mit der Hoffnung auf Erfolg.

Wochen später kam die Antwort. Im Prinzip sei ja alles ganz prima, aber:

  • Das Audimax sei nicht erforderlich und somit ersatzlos zu streichen.
  • Die Mensa sei viel zu groß; eine Cafeteria im Eingangsbereich sei völlig ausreichend.
  • Des Weiteren würde einem Neubau ohnehin nicht zugestimmt werden; das gesamte Konzept dürfe sich lediglich auf die Sanierung von vorhandenen Gebäuden beschränken.

Diese Nachricht kam der Aufforderung gleich, einen Abgrund mit zwei Sprüngen zu überwinden.  Paradoxerweise mussten wir unserem Adler die Flügel stutzen, um dies zu bewerkstelligen.
Kein Audimax, keine Mensa? Dann kann der geplante Südflügel nicht gebaut werden.
Aber was tun, wenn eine Veranstaltung mit mehr als 90 Personen durchgeführt werden soll?

Wir befinden uns hier in der Lösung des Problems: die zwei geforderten Lehrsäle wurden zusammengelegt und mit einer mobilen Trennwand versehen, so dass aus beiden Räumen ein großer Raum werden kann. Die zweiseitige Ausrichtung ist zwar gewöhnungsbedürftig, trainiert aber die Halsmuskeln des Vortragenden.

  • keine Mensa, nur eine Cafeteria? Dann muss der Flur so vergrößert werden, dass eine Ausgabe und ein paar Tische reinpassen.
  • kein Neubau, nur Sanierung des Bestandes? 

Also gut, dann behalten wir die Reste der alten Mädchenschule, respektive die Garagen, und ergänzen sie um die Funktionen, die benötigt werden. Das Ergebnis sehen Sie im Erdgeschoss und im Souterrain der Bibliothek. Die alten Wände und Mauerreste sind der Beweis für die Sanierung des Altbaus.

Mit diesen Lösungen konnten wir die Hürde oder besser gesagt den Abgrund überwinden, und nach weiteren 12 Monaten Bedenkzeit stimmte das Ministerium zu. Unser Adler war zwar ziemlich gefleddert, aber immer noch ein ansehnlicher Vogel. Die Eliminierung des Südflügels war zwar ein herber Verlust, aber wir hofften darauf, dass vielleicht später im Anschluss an den Hochschulbau ein anderer Investor diesen Flügel – wenn auch mit anderem Inhalt – ergänzen würde, so dass das Gesamtbauwerk wieder komplettiert werden würde.