Student und Absolvent der Hochschule Harz wagen als „Bilanzschmiede“ den Sprung in die Selbstständigkeit
CO₂‑Fußabdruck, Klimaneutralität, Emissionen: Begriffe wie diese sind längst aus der Nachhaltigkeitsnische herausgewachsen und prägen zunehmend das Berichtswesen in Unternehmen. Im Zentrum steht dabei die systematische Erfassung von Treibhausgas-Emissionen in einer THG-Bilanz. Während diese bereits aufgrund neuer EU-Berichtspflichten für Großunternehmen zur verbindlichen Aufgabe geworden ist, dürfte sie auch für kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) zunehmend relevant werden. Doch nicht alle Betriebe haben das fachspezifische Know-how oder die Ressourcen, um die dafür nötigen Daten strukturiert zu erheben und auszuwerten. Eine Lösung wollen Fabian Siemens und Matteo Kleemann mit ihrer „Bilanzschmiede“ bieten: Der Student und der Absolvent der Hochschule Harz entwickeln eine Online‑Plattform, die die THG‑Bilanzierung im Tourismussektor einfacher und zeitsparender machen soll. Seit April wird ihr Vorhaben im Rahmen des exist Gründungsstipendiums gefördert.
Erste Berührungspunkte mit klimarelevanten Daten hat das Gründungsteam im Zuge des Bachelor-Studiums gesammelt. Im Praxisprojekt des Bachelor-Studiengangs Informatik war das Duo bereits vor zwei Jahren an der Entwicklung eines CO2-Rechners in Zusammenarbeit mit der Wernigerode Tourismus GmbH beteiligt. „Touristen können über das Online-Tool ihren eigenen CO2-Fußabdruck bei An- und Abreise zum Urlaubsort ermitteln. Für eine THG-Bilanz ist das aber nur einer von zahlreichen Faktoren“, sagt Fabian Siemens und verdeutlicht dies am Beispiel Gastronomie: „In der THG-Bilanz sind unter anderem der Benzinverbrauch bei der Anreise der Gäste, bei Einkaufsfahrten und der Anlieferung von Waren zu beachten, darüber hinaus Strom und Gas fürs Heizen der Räumlichkeiten und zum Kochen – sowohl der selbst genutzte Anteil als auch die Emissionen aus der Erzeugung der zugekauften Energien. Hinzu kommen anzusetzende Werte für die Herstellung der Lebensmittel, die Produktion von Kassenzetteln und Reinigungsmitteln, die Abfallentsorgung und vieles mehr – teilweise mit unterschiedlichen Multiplikationsfaktoren in der Berechnung.“ Die Webanwendung des Gründerteams soll genau diese Faktoren auf Knopfdruck ermitteln und zusammenfügen.
„Über das Online-Tool können zum Beispiel Rechnungen von Lieferanten oder Hotelbuchungen hochgeladen werden. Die Emissionsfaktoren werden dann automatisch ausgelesen und nach den EU-Standards berechnet“, führt Matteo Kleemann die Hauptvorteile auf. Checklisten helfen zudem, den Überblick zu behalten, und ein Baukasten-Prinzip ermöglicht eine individuelle Anpassung an die jeweiligen Unternehmensbedürfnisse. „Neben der reinen Bilanzierung können Kunden auch mögliche Nachhaltigkeitsziele definieren und sich Maßnahmen zur Einsparung von klimaschädlichen Emissionen vorschlagen lassen.“ Das sei mit Blick auf die Umwelt besonders wichtig, da der Tourismussektor rund fünf bis acht Prozent der weltweiten Treibhausgase verursache. „Das Thema Nachhaltigkeit stößt generell auf immer mehr Interesse, auch bei Touristen, die sich verstärkt fragen, welchen Anteil ihr Reiseverhalten dabei hat.“
Auf ihrem Weg in die Gründung werden die beiden 23-Jährigen von der Hochschule Harz unterstützt. Sophie Moneke vom Application Lab hat das Duo mehrere Monate bei der Antragstellung zum exist Gründungsstipendium begleitet, Prof. Dr. Natalie Stors berät als Professorin für Tourismusmanagement zu Themen rund um die THG-Bilanzierung. Als Mentor steht Prof. Dr.-Ing. Simon Adler zur Seite, der bereits das Teamprojekt zur Entwicklung des CO2-Rechners betreut hat. „Ich freue mich sehr, dass das Praxisprojekt den beiden Studenten so viel Spaß gemacht hat, dass sie weiter in dem Themenbereich aktiv sein wollen. Es kommt auch nicht so oft vor, dass aus einem Teamprojekt eine Ausgründung entsteht“, sagt der Koordinator des Studiengangs Informatik. „Und die beiden haben auch ein gutes Händchen für den richtigen Zeitpunkt ihrer Geschäftsidee. Die gesetzlichen Regelungen ändern sich sicher auch für KMU und dann müssen alle Betriebe eine THG-Bilanz vorlegen. Die Lösung der Bilanzschmiede wird gerade im touristisch geprägten Wernigerode, das sich für Nachhaltigkeit einsetzt, helfen, die Aufwände für Unternehmen gering zu halten.“
Der Fokus auf touristische Unternehmen wie Hotels, Gastronomie und Freizeitanbieter kommt an, wie die Liste der bisherigen Unterstützer zeigt. „Die Wernigerode Tourismus GmbH und der Harzer Tourismusverband e.V. helfen uns, Branchenkontakte aufzubauen und interessierte Betriebe für die Pilottestphase zu finden. Zudem geben uns die Mitarbeitenden fachliches Feedback, damit unser Endprodukt auf die Bedürfnisse im Tourismussektor perfekt zugeschnitten ist“, erklärt Matteo Kleemann. „Wir haben darüber hinaus bereits zwei bekannte Betriebe aus der Region als mögliche Pilotkunden gewinnen können, würden uns aber auch über weitere Unternehmen freuen, die uns mit ihrem Feedback unterstützen“, ergänzt Fabian Siemens.
In den kommenden Monaten soll der Software-Prototyp fertiggestellt werden, sodass das grundlegende Bilanzierungssystem und die Auswertungsfunktionen getestet werden können. Der Pilotbetrieb ist für Herbst 2026 angesetzt, Anfang des nächsten Jahres folgt der offizielle Marktstart. Auch eine kostenlose Demoversion ist geplant. „Wir wollen unser Produkt, das man in einem Abo-Modell flexibel buchen können wird, langfristig gesehen auch auf weitere Branchen ausweiten. Je mehr Unternehmen unsere Software nutzen, desto gewinnbringender ist das nicht nur für unser Geschäftsmodell, sondern auch für den Klimaschutz“, ist sich Matteo Kleemann sicher. „Eine möglichst große Datenlage schafft eine solidere Basis für Vorschläge zur Reduktion von klimaschädlichen Emissionen. Und das hilft letztendlich uns allen.“
Du liebäugelst mit einer Gründung?
Für das exist Gründungsstipendium können sich Studierende, Absolventinnen und Absolventen sowie Forschende aus Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen bewerben, die Einreichung erfolgt gemeinsam mit der jeweiligen Institution. Bei Bewilligung erhalten die angehenden Gründerinnen und Gründer ein Jahr lang eine finanzielle Unterstützung, mit der sowohl eigene Lebenshaltungskosten als auch Sachmittel und Coachingbudget für das Start-up-Vorhaben abgedeckt werden. Das Application Lab der Hochschule Harz unterstützt den Bewerbungsprozess mit fachlicher Beratung sowie Hilfe bei der Ausformulierung und Einreichung des Antrags. Zudem wird zu weiteren Fördermöglichkeiten wie beispielsweise ego.-Gründungstransfer informiert.
Darüber hinaus steht das Team des Projekts gründerwald 4.0 als zentrale Anlaufstelle rund um Existenzgründung und Unternehmertum an der Hochschule Harz bereit. Auf ihrer Website ist zudem der im Rahmen des Projekts GLEIHHA entwickelte Gründungsleitfaden mit zahlreichen
27.05.2026
Autor/Autorin: Karoline Klimek
Fotograf/Fotografin: © Karoline Klimek
Bildrechte: © Hochschule Harz