Das war die Transatlantic Summer School 2026
Detroit ist das Herz der US-amerikanischen Automobilindustrie und will damit auf den ersten Blick nicht recht zum Begriff „Nachhaltigkeit“ passen. Doch auf den zweiten Blick offenbart sich eine Stadt im Strukturwandel, in der es zahlreiche Ansätze gibt, das urbane Leben nachhaltiger zu gestalten. Und genau hier fand an der Wayne State University die vierte Transatlantic Summer School zum Thema „Sustainability in the Comeback City“ statt. Erneut kamen dabei Studierende und Lehrende der Gastgeber-Universität, der Hochschule Harz, der Hochschule Ruhr West und der Iowa State University zusammen, um für zwei Wochen gemeinsam an nachhaltigen Projekten zu arbeiten. Vorangegangen war eine zweimonatige Online-Vorbereitungsphase.
Die Transatlantic Summer School bietet Studierenden Auslandserfahrung in einem niedrigschwelligen Format, erklärt Prof. Dr. Robert Nadler, Hochschullehrer für Sozialwissenschaften an der Hochschule Harz, der als Dozent in Detroit dabei war. Er betont: „Ein Auslandssemester ist nicht in jedem Studiengang vorgesehen, so dass Studierenden oft die Zeit dazu fehlt. Durch den relativ kurzen Zeitraum der Summer School kann jeder Teilnehmer in 14 Tagen kompakte internationale Erfahrung sammeln, neue Kontakte knüpfen und globale Perspektiven kennenlernen.“ Finanziell wurden die Studierenden mit einem PROMOS-Stipendium aus Mitteln des Bundesministeriums für Forschung, Technologie und Raumfahrt unterstützt. Mit seiner Projektgruppe hat Nadler eine Nachhaltigkeitsmonitoring-Website für den Campus der Wayne State University entwickelt. Dazu sagt er: „Zu sehen, dass die Projekte tatsächlich umgesetzt werden, ist eine hervorragende Selbstwirksamkeitserfahrung. Die offene Projektstruktur, in der die Teilnehmenden von Anfang an den Kurs mitbestimmt haben, motivierte zusätzlich.“
Sein Kollege Prof. Dr. Patrick Rempel, Hochschullehrer für Verwaltungsdigitalisierung und -informatik, ergänzt: „Durch die Zusammenarbeit in internationalen und fächerübergreifenden Teams entstanden sehr schnell Synergieeffekte. Die Stärken heterogener Gruppen mit unterschiedlichen Fachgebieten wurden deutlich; das kann für die Studierenden eine sehr gewinnbringende Erfahrung sein.“ Rempels Projektgruppe hat eine Ausstellung im Charles H. Wright Museum for African American History zum großen Stromausfall in Detroit und Ohio (2017) vorbereitet. Entstanden ist dabei eine Zeitleiste des Ereignisses, die durch Interviews ergänzt wurde.
Ein besonderes Heimspiel war die Transatlantic Summer School für Brian Kearney, Englisch-Dozent im Sprachenzentrum der Hochschule Harz. Der gebürtige US-Amerikaner konnte den Studierenden seine Heimatstadt Detroit aus einer persönlichen Perspektive zeigen. „Den Studierenden zu helfen, ein Gefühl für Detroit zu bekommen – für die Herausforderungen der letzten Jahrzehnte wie auch für deren teilweise Bewältigung – war eine großartige Erfahrung. Meine Projektgruppe hat für die Stadtverwaltung eine Website mit Hintergrundinformationen zu Straßenschildern erstellt, die herausragende Persönlichkeiten Detroits aus Vergangenheit und Gegenwart würdigen. Konkret wurden Fußgänger- und Radrouten entworfen, die diese Schilder verbinden. Die Studierenden bildeten ein sehr starkes Team. Genauso wichtig: sie gewannen Einblicke in die tieferliegenden Prozesse der Stadtentwicklung.“
Zur Zukunft der Zusammenarbeit sagt Prof. Dr. Louisa Klemmer, Prorektorin für Studium, Lehre und Internationalisierung an der Hochschule Harz: „Die Transatlantic Summer School war ein rundum gelungenes Projekt, das Studierenden die Arbeit an Nachhaltigkeitsideen und das Sammeln von internationaler Erfahrung ermöglicht hat. Auch wenn das vierjährige Programm mit dem Besuch in Detroit erst einmal abgeschlossen ist, arbeiten wir aktuell an neuen Formaten und wollen die Beziehungen mit unseren Partnerhochschulen weiterhin mit Leben füllen.“
Zehn Studierende aus acht verschiedenen Studiengängen aller drei Fachbereiche der Hochschule Harz waren in diesem Jahr dabei. Drei von ihnen berichten im Interview von ihren Erlebnissen:
Was hat dir besonders an der Transatlantic Summer School gefallen?
Die Abwechslung von Projektarbeiten in der Wayne State University und den Exkursionen! Dabei konnte man das Land, die Kultur und die Menschen besser kennenlernen. Auch unsere Betreuung durch die Partnerhochschule war sehr gut organisiert. Wir konnten uns jederzeit darauf verlassen, Ansprechpartner für jegliche Sorgen und Anliegen zu finden.
Was hast du über Nachhaltigkeit gelernt und woran hast du im Projekt gearbeitet?
Ich konnte mein Wissen über die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen vertiefen und mir einen Einblick in die Umsetzung dieser Ziele in den USA verschaffen.
Der Fokus des Projektes, an dem ich mitgearbeitet habe, war Lebensmittelverschwendung und wie man diese eindämmen kann. In dem Zusammenhang wurden uns die Möglichkeiten vor Augen geführt, was umgesetzt werden kann, wenn sich genügend Freiwillige finden, die etwas bewegen möchten. Beispielsweise haben wir an einem Vormittag im Upcycling Kitchen teilgenommen, wo wir geholfen haben, Mahlzeiten für Bedürftige vorzubereiten. Dabei erhielten wir einen einzigartigen Einblick hinter die Kulissen einer solchen Initiative.
Wie hast du Detroit und die USA erlebt?
Viele Erwartungen, welche ich bereits vor dieser Reise an die USA hatte, haben sich schnell bestätigt. Beispielsweise die enorme Nutzung von Autos, die offene Persönlichkeit der Amerikaner und die Weitläufigkeit des Landes, beziehungsweise der Stadt Detroit. Die Detroiter lieben ihre Stadt und sind sehr stolz auf sie. Unabhängig davon, ob es dabei um die sportlichen, musikalischen, oder sonstige Erfolge geht. Es ist eine Stadt mit enorm viel Potential und Geschichte, gerade was die Automobilbranche angeht.
Was hat dir besonders an der Transatlantic Summer School gefallen?
„Wie war’s in Detroit?“ - das war logischerweise eine der meistgestellten Fragen nach meiner Rückkehr. Ich merke, dass ich Detroit für mich noch nicht abschließend zusammengefasst habe, falls das überhaupt möglich ist. Gut?! Ok?! Krass?! Vielleicht würde das Detroit auch nicht gerecht werden – eine Stadt, die mich mit ihrer Ambivalenz faszinierte und überforderte. Ich bin sehr dankbar, die Möglichkeit gehabt zu haben, an der Summer School 2026 teilzunehmen und zwei Wochen Detroit zu erkunden.
Was hast du über Nachhaltigkeit gelernt und womit hast du dich in deinem Projekt beschäftigt?
Nachhaltigkeit lebt im Spannungsfeld zwischen eigenem Engagement und dem großen Ganzen - zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Ein Teil davon ist, zu lernen, die eigenen Widersprüche auszuhalten. Man lernt Klimaanlagen zu schätzen (leider auch geil). Und es ist völlig okay, wenn ich heimlich mal mit einem großen Pickup-Truck durch den Mittleren Westen fahren möchte.
Was mich besonders beeindruckt hat, ist die Kraft lokaler Initiativen, über die wir eher zufällig gestolpert sind und die gar nicht Teil unseres Projekts waren: bspw. der Barkeeper der Brauerei, der mit seiner Organisation an Bushaltestellen „Bänke“ baut und aufstellt. Er nutzt dabei wiederverwendete Materialien von abgerissenen Häusern. Kleine Projekte leisten extrem wichtige Arbeit, oft unentgeltlich, weil die Menschen dahinter Lust darauf haben und einfach anfangen. Diese Do-It-Yourself-Energie lässt sich durch kein Top-Down-Programm ersetzen.
Als Team haben wir drei Touren durch Detroit entwickelt, erkundet und abgelaufen. Wir haben zu den Menschen hinter den „Secondary Street Signs“ recherchiert, kurze biografische Texte verfasst und bearbeitet. Dabei haben wir sehr viel über die Menschen in Detroit gelernt, die mit einem Straßenschild geehrt wurden.
Was hat dir besonders an der Transatlantic Summer School gefallen?
Die abwechslungsreiche Kombination aus der gemeinsamen Projektarbeit und den geplanten Exkursionen und Aktivitäten! Bereichernd fand ich außerdem den Austausch mit Studierenden anderer Hochschulen und Universitäten. Innerhalb der zwei Wochen sind dadurch viele neue Kontakte entstanden und man konnte unterschiedliche Sichtweisen und Erfahrungen kennenlernen. Gerade diese Mischung aus fachlicher Arbeit, neuen Eindrücken und gemeinsamen Erlebnissen hat die Summer School für mich besonders gemacht.
Was hast du über Nachhaltigkeit gelernt? Woran hast du im Projekt gearbeitet?
Mir ist noch einmal deutlich geworden, wie vielseitig das Thema Nachhaltigkeit ist und dass es dabei nicht für jede Stadt oder Region die gleichen Lösungen gibt. Je nach Standort bestehen unterschiedliche Herausforderungen, Voraussetzungen und Möglichkeiten, um nachhaltige Projekte umzusetzen. Deshalb ist es wichtig, sich zunächst intensiv mit den örtlichen Gegebenheiten auseinanderzusetzen und daraus passende Ansätze zu entwickeln. In unserem Projekt „Secondary Street Signs“ haben wir eine Möglichkeit geschaffen, Detroit auf eine nachhaltige und gleichzeitig informative Weise zu entdecken.
Wie hast du die USA und Detroit erlebt?
Besonders positiv überrascht hat mich, wie offen, freundlich und hilfsbereit uns viele Menschen in Detroit begegnet sind. Ich hatte schnell das Gefühl, willkommen zu sein, und bin mit vielen Menschen unkompliziert ins Gespräch gekommen. Die zwei Wochen haben mir nicht nur fachlich, sondern auch kulturell viele neue Eindrücke vermittelt.
09.10.2026
Autor/Autorin: Mark Winter
Fotograf/Fotografin: © Nicole Coleman; Anneli Pagel; Sarah Peglow; Adrian Breuer; Brian Kearney
Bildrechte: © Hochschule Harz