Prof. Dr. Thomas Leich für Arbeit an Baukastensystem für Software-Entwickler ausgezeichnet
„Gut Ding will Weile haben“ heißt es in einem deutschen Sprichwort. Wie viel Wahrheit darin liegt, erfährt derzeit Prof. Dr.-Ing. Thomas Leich, Professor für Wirtschaftsinformatik und Dekan des Fachbereichs Automatisierung und Informatik an der Hochschule Harz. Für einen Fachbeitrag, den er 2014 gemeinsam mit fünf Kollegen in einer renommierten Zeitschrift für Informatik veröffentlicht hat, hat er auf der Variability 2026, einer internationalen Konferenz für Software- und Systemwiederverwendung, den „Most Influential Paper Award“ erhalten. Damit würdigt das Komitee den hohen Einfluss, den der Beitrag noch heute auf die Forschungslandschaft hat.
„Das Verrückte ist, dass damals eigentlich niemand aus dem Team den Fachbeitrag schreiben wollte, weil wir zu unserer Idee bereits eine größere Veröffentlichung aus dem Jahr 2009 vorliegen hatten. Diese fand jedoch weniger Beachtung. Zum Glück haben wir uns dann doch aufgerafft“, sagt Thomas Leich rückblickend. Denn über die Jahre wurde nicht nur der Beitrag selbst hundertfach in Forschungsartikeln zitiert – das darin betrachtete Konzept einer variablen Open-Source-Software für Produktentwickler hat sich heute zum Standard in der Szene entwickelt.
„Wir haben mit FeatureIDE den bisher einzigen frei zugänglichen und damit kostenfreien Software-Baukasten in dem Anwendungsgebiet entwickelt“, betont Thomas Leich. Denn ein einziges Software-System zu bauen, das für zahlreiche Anwendungsfälle wie das Steuern eines Aufzugs, das Konfigurieren des persönlichen Traumautos oder das Nutzen einer Fernsehplattform gleichermaßen geeignet ist, sei nahezu unmöglich. „FeatureIDE bietet daher eine Familie an Software-Systemen. Jeder Programmierer kann sich dann quasi die Familienmitglieder raussuchen, die er für seinen konkreten Fall benötigt, und sich daraus eine ganz eigene Familie nach seinen Wünschen und Anforderungen zusammenstellen.“
Durch die Mitarbeit der Community, die auch eigene Codefragmente für das System programmiert und einpflegt, kommen stetig weitere „Familienmitglieder“ hinzu. Dadurch sei das System trotz seines Alters – erstmals vorgestellt wurde es 2005 – nie in die Jahre gekommen. „Software, die so alt ist, würde heute eigentlich niemand mehr nutzen. Aber dadurch, dass sie stetig weiterentwickelt und angepasst wird, bleibt sie aktuell“, sagt Thomas Leich. „Wir haben Nutzer von Europa über Asien und Australien bis nach Amerika. Und dadurch, dass so viele unterschiedliche Menschen ihre Arbeit in unser System integrieren, bekommen wir auch neue Trends sehr schnell mit und können diese dann selbst ausprobieren“, beschreibt Thomas Leich einen weiteren Vorteil.
Heutzutage gilt FeatureIDE als Standardtool in der akademischen Forschung, speziell in den Bereichen Software-Produktlinien und der merkmalsorientierten Softwareentwicklung. Es wird beispielsweise in der Automobilindustrie sowie bei Medizin- oder Konsumprodukten verwendet, um neue Algorithmen auszuprobieren oder Testverfahren direkt zu integrieren, ohne eine eigene Entwicklungsumgebung programmieren zu müssen. „Wenn mich jemand vor 20 Jahren gefragt hätte, wofür ich später einmal bekannt sein werde, hätte ich sicher nicht an FeatureIDE gedacht“, gesteht Thomas Leich. „Es ist unglaublich schön zu sehen, wie wertvoll diese Plattform für Forschende weltweit geworden ist. Dass nun auch der nachhaltige Einfluss einer Arbeit ausgezeichnet wird, an der ich beteiligt war, bedeutet mir sehr viel.“
Der 16-seitige Beitrag „FeatureIDE is an open-source framework for feature-oriented software development“ ist am 1. Januar 2014 in der 79. Ausgabe der Zeitschrift „Science of Computer Programming“ erschienen. Es ist ein gemeinschaftlicher Beitrag von Thomas Thüm, Christian Kästner, Fabian Benduhn, Jens Meinicke, Gunter Saake und Thomas Leich.
19.10.2026
Autor/Autorin: Karoline Klimek
Fotograf/Fotografin: © Karoline Klimek
Bildrechte: © Hochschule Harz