Wie Teams in Ausnahmesituationen funktionieren und wie wichtig gute Führungspersonen sind, ergründet Michael Stieber im Rahmen seiner Promotion
Es ist eiskalt, der Wind ist rau, die Natur ist erbarmungslos. Wer während des Schneesturms die sichere Unterkunft verlässt, ist nach wenigen Minuten tot. Die Gruppe ist gefangen, niemand kann der Situation entfliehen. Was nach dem Beginn eines Survival-Thrillers klingt, ist für die deutschen Antarktisforscher auf der Neumayer-Station III real. Sie leben unter Extrembedingungen, müssen klare Regeln befolgen und als Team zusammenhalten. Michael Stieber ist genau davon fasziniert. In seiner Doktorarbeit geht der Promovend am Promotionszentrum „Sozial-, Gesundheits- und Wirtschaftswissenschaften" (SGW) an der Hochschule Harz der Frage nach, wie gute Führung aussehen muss, wenn die Rahmenbedingungen weit entfernt vom klassischen Büroalltag sind, beispielsweise bei Expeditionen in Polarregionen oder auf Raumfahrtmissionen.
Mit seinem Promotionsthema verbinde er gleich zwei persönliche Interessen, sagt er. Fachlich habe er sich schon immer für Führung und Personalmanagement interessiert, er selbst hat bereits in Teams als auch in Führungspositionen gearbeitet und kennt beide Seiten. „Ich hatte dabei immer viele Fragen im Kopf: Wie kann man es besser machen? Wie kann man gleichzeitig fördern und fordern? Wie gelingt es trotz Arbeitsstress und hohem Pensum, den Mitarbeitenden zuzuhören und situativ gut zu reagieren?“ Und dann ist da noch seine Leidenschaft für Abenteuergeschichten, Raumfahrt, „die großen Fragen des Lebens und was da hinter dem Horizont ist“. Als er ein Thema für seine Masterarbeit suchte, fand mit der MOSAiC-Expedition unter Leitung des deutschen Alfred-Wegener-Instituts (AWI) die bislang größte Arktisexpedition der Menschheit statt und es kristallisierte sich eine Frage heraus: Wie funktioniert Führung, wenn ein Team ein Jahr lang auf einem Forschungsschiff im Eismeer unterwegs ist?
„Ich habe Kontakt mit dem AWI aufgenommen und sie haben mir angeboten, meinen Forschungsansatz mit Fokus auf die Neumayer-Station III zu verfolgen. Auf dem deutschen Forschungsaußenposten in der Antarktis sind in der Regel neun Personen jeweils für bis zu zehn Monate allein unter sich“, berichtet Michael Stieber. Er telefonierte mehrfach mit dem dort überwinternden Team und führte theoretisches Wissen und exklusive Erfahrungsberichte über die dortigen Herausforderungen und Besonderheiten in seiner Masterarbeit zusammen.
Seine Forschung führt er nun als Promovend fort, gefördert im Rahmen des Projekts InterGrad-EGD, und veröffentlichte seine neuen Erkenntnisse über Gruppendynamiken und Führung in isolierten Umgebungen im Acta Astronautica, der offiziellen Zeitschrift der Internationalen Akademie für Astronautik, und der halbjährlich erscheinenden Fachzeitschrift The Polar Journal. Vor allem zwei Aspekte waren für ihn besonders faszinierend – die Erwartungshaltung an Führungskräfte und die unterschiedlichen Bedingungen auf Überwinterungsstationen.
„Bereits die Berichte über die ersten Antarktis-Expeditionen von Pionieren wie Ernest Shackleton, Roald Amundsen und Robert Falcon Scott haben gezeigt, dass nicht nur das eisige Umfeld eine Gefahr für Leib und Leben birgt, sondern es auch gefährliche psychische Veränderungen gibt, beispielsweise Aggression, Depression und herausfordernde Gruppendynamiken. Gleichzeitig ist die Erwartungshaltung an Führungskräfte und Verantwortungsträger bis heute unermesslich groß“, weiß Michael Stieber. „Sie müssen alle Probleme lösen und die Gruppe zusammenhalten. Dass aber auch sie von den bekannten psychischen Veränderungen betroffen sein können, hat bislang noch nie jemand zusammengeführt. Man muss die Erwartungshaltung, die reine Wunschdarstellung ist, an die reellen Gegebenheiten anpassen. Denn wenn Erwartungen übermäßig hoch und nicht mit der Persönlichkeit der Führungskraft vereinbar sind, besteht die Gefahr einer Überlastung.“
In seiner zweiten Publikation hat er sich mit den Überwinterungsbedingungen im internationalen Vergleich beschäftigt. „Es gibt Verallgemeinerungen, wie Überwinterung funktioniert. Aber jede Nation hat auf ihren Stationen in der Antarktis unterschiedliche Voraussetzungen – und damit meine ich nicht nur die Ausstattung, sondern auch die Teamzusammensetzung. Es macht für die persönlichen Freiräume und die Chance, eine Bezugsperson zu finden, durchaus einen Unterschied, ob hier sechs Personen unterschiedlicher Fachdisziplinen zusammenarbeiten oder 40 Personen mit fachlichen Überschneidungen, ob die Gruppe nur aus Männern besteht oder gemischt ist, ob die Altersspanne gering ist oder von Mitte 20 bis Mitte 60 reicht“, legt er dar. Er habe aufgezeigt, dass die Überwinterungsstationen in der Antarktis untereinander völlig unterschiedlich sind. „Und ich habe analysiert, dass die Neumeyer-Station III das ideale Vorbild für die Raumfahrt ist, vor allem für die geplanten Mars-Missionen, weil es eine verhältnismäßig kleine Gruppe ist, deren Mitglieder alle verschiedene Rollen von Arzt über Techniker bis Forscher erfüllen.“
Und noch ein Faktor sei vergleichbar: „Während Astronauten der ISS im Verletzungsfall innerhalb von 24 Stunden in ein adäquates Krankenhaus gebracht werden können, ist eine Evakuierung aus der Antarktis so gut wie ausgeschlossen.“ Das Umfeld der Antarktis gelte deshalb als Analogie zur Raumfahrt und für interplanetare Reisen zu Mond und Mars. „Allein der Hinflug zum Mars wird sieben Monate dauern, das Team wird eine lange Zeit auf sich gestellt sein“, sagt Michael Stieber. Die herausfordernden Bedingungen in der Antarktis könnten aber auch auf Extremsituationen in unserer Alltagswelt auf der Erde übertragen werden, beispielsweise in Notaufnahmen von Krankenhäusern. „Meine Grundfrage lautet, wie funktioniert Führung in Situationen, denen man nicht entfliehen kann. Denn diese Extremsituationen fordern nicht nur studierte Abläufe und klare Führungsverantwortung, sondern auch flexibles Denken und situatives Handeln. Ich versuche genau in diesem Themenfeld meinen wissenschaftlichen Fußabdruck zu hinterlassen.“
Seine Promotion nutzt Michael Stieber nicht nur für seine Forschung, sondern auch die Neuausrichtung seines Karrierewegs und für seine persönliche Entwicklung. Erst im Januar nahm er die Chance eines akademischen Austauschs wahr, ging für eineinhalb Wochen nach Kanada und verbrachte den Großteil der Zeit an der Thompson Rivers University in Kamloops/British Columbia, einer Partnereinrichtung der Hochschule Harz. „Ich habe mich mit Mitarbeitenden aus dem International Office bei einer Tasse Kaffee ausgetauscht, habe bei Professoren hospitiert, internationale Studierende von Deutschland bis Kasachstan getroffen, mit einem deutschen Auswanderer über sein Leben in Kanada gesprochen. Für mich war es überraschend, wie international diese Stadt ist, obwohl sie nur 130.000 Einwohner hat. Ich kann unseren Studierenden nur empfehlen, diese gut strukturierte Hochschule voller sympathischer Menschen für einen Auslandsaufenthalt auszuwählen und die Atmosphäre zu genießen.“
Für ihn sei der Aufenthalt nicht nur eine unglaubliche Erfahrung gewesen, sondern eine erneute Bestätigung seiner Lebensplanung. „Ich möchte voll und ganz meinen Interessen folgen“, bekräftigt Michael Stieber. Lange habe er versucht, Familie und ehrenamtliches Engagement in Politik und Sportverein mit seinem festen Job und der Forschung unter einen Hut zu bekommen. „Zum Jahreswechsel habe ich jedoch meine Stelle als Verwaltungsleitung einer Kultureinrichtung gekündigt. Ich wechsle das Gleis auf Lehren und Forschen“, sagt er. Als Familienvater mache ihm das zwar auch Sorgen, vor allem mit Hinblick auf die noch ungewisse Zeit nach dem Abschluss der Promotion, doch die Weichen sind bereits gestellt: Seit dem Wintersemester 2025/2026 hat Michael Stieber Lehraufträge an der Hochschule Emden/Leer und der Hochschule Harz übernommen. Parallel dazu hat er erste Forschungsanträge bei Fördereinrichtungen eingereicht. Auch weitere Konferenzteilnahmen, wie z.B. 2025 auf der Reinventing Space Conference in London, und Publikationen plant er. „Ich arbeite Schritt für Schritt daran, mein Profil in Lehre und Forschung weiter zu schärfen. Denn genau hier sehe ich meine Zukunft.“
09.03.2026
Autor/Autorin: Karoline Klimek
Fotograf/Fotografin: © Alfred-Wegener-Institut/Stefan Christmann und Thomas Steuer; Michael Stieber
Bildrechte: © Hochschule Harz