Außenansicht der German University Cairo mit grünen Außenanlagen.

Vom Harz an den Nil: Prof. Dr. André Niedostadek zu Gast in Ägypten

Eindrücke von der German University in Cairo und was sie für das Studium in Halberstadt bedeuten

Prof. Dr. André Niedostadek, Hochschullehrer für Wirtschafts-, Arbeits- und Sozialrecht am Fachbereich Verwaltungswissenschaften der Hochschule Harz, war zu Gast an der German University Cairo (GUC). Im Interview berichtet er, was ihn bei seinem Aufenthalt in Ägypten beeindruckt hat und welche Erkenntnisse er daraus für die Lehre in Halberstadt mitgebracht hat.

Sie waren zu einer Konferenz an der GUC. Wie kam es dazu?

Einen ersten Kontakt zur GUC hatte ich tatsächlich schon vor vielen Jahren. Damals gab es aber noch keine juristische Fakultät. Zwischenzeitlich hat sich das allerdings geändert. Und als nun auch noch eine Konferenz stattfand zu einem Thema, an dem ich arbeite, gab eins das andere.

Was war das Thema der Konferenz?

Die rechtlichen Herausforderungen der digitalen Transformation. Das Besondere war der Ländervergleich zwischen Ägypten, Frankreich und Deutschland. Das sind drei Rechtsordnungen mit unterschiedlichen Traditionen, aber auch verbindenden Elementen. Schließlich steht man überall vor den gleichen Fragen: Wie gehen wir mit Plattformen um, mit Datenschutz, mit KI, mit digitaler Arbeit oder mit Verträgen im Netz?

Und Sie haben selbst einen Beitrag mitgebracht?

Ja, bei mir ging es um die außergerichtliche Konfliktlösung im digitalen Zeitalter. Mich beschäftigt beides schon seit mehr als einem Vierteljahrhundert. Vielleicht brauchen wir mehr schnelle, niedrigschwellige Verfahren wie Mediation, als eine Form der außergerichtlichen Konfliktlösung, die auch die Beziehung der Beteiligten im Blick behält.

Im Recht geht es viel ums Überzeugen und Argumentieren. Hat sich das in Kairo auch während der Konferenz gezeigt?

Das hat es tatsächlich. Vor allem die ägyptischen Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler haben mich mit ihren Vorträgen beeindruckt: klar strukturiert, überzeugend, und man hat gemerkt, dass das professionell vorbereitet war. Die freie Rede wird dort schon im Studium gelehrt und trainiert.

Klingt so, als wäre das auch etwas für das Studium hierzulande.

Auf jeden Fall. Der Stifterverband der Deutschen Wissenschaft hat in einer Ausarbeitung zu Zukunftskompetenzen, den Future Skills 2030, unter anderem die Kommunikationskompetenz aufgeführt. Für mich gehört das zum Kern eines Verwaltungsstudiums. Wer Entscheidungen begründen, Bürgerinnen und Bürgern etwas Komplexes erklären und in Gremien überzeugen muss, braucht diese und weitere Fähigkeiten.

Was heißt das für Halberstadt?

Ich glaube wir sollten auch hier die Möglichkeiten weiter ausschöpfen, den Studierenden die Chancen zu geben, solche Kompetenzen zu entwickeln. Anlässe gibt es genug. Beispielsweise sind Referate oft eine Prüfungsform. Da können wir Studierende gezielter drauf vorbereiten, damit ein Referat kein Ablesen von Folien wird, sondern ein echter kleiner Vortrag.

Die GUC heißt „German University”, unterrichtet wird aber auf Englisch. Wie passt das zusammen?

Die GUC ist eine ägyptische Privatuniversität mit Tausenden Studierenden. Sie wurde bereits 2002 gegründet und gemeinsam mit den Partneruniversitäten Ulm, Stuttgart und Tübingen aufgebaut. Es gibt also eine enge Verzahnung mit Deutschland, etwa wenn es um Forschung und Lehre geht. Dass vor allem auf Englisch gelehrt wird, ist eher ein Türöffner.

Und inzwischen gibt es auch einen Bezug zu Ihrem Fach, der Rechtswissenschaft?

Ja, mittlerweile gibt es die Fakultät für Law and Legal Studies. Sie bietet den Studierenden sogar die Möglichkeit, einen Teil des Studiums in Berlin zu absolvieren. Die Zusammenarbeit läuft dort über die Hochschule für Technik und Wirtschaft. Federführend ist dort Prof. Dr. Michael Jaensch, der aktuell auch Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät an der GUC ist. Da hat sich inzwischen also eine weitere Brücke zwischen beiden Ländern ergeben. Gemeinsam mit Prof. Dr. Géraldine Demme von der Universität Paris Nanterre hat er übrigens auch die Konferenz organisiert.

Sie haben dort auch gelehrt. Wie lief das?

Neben dem Konferenzbeitrag hatte ich auch die Gelegenheit, in einem höheren Semester eine Vorlesung zum Arbeitsrecht zu halten. „Digitalisation and Labour Law in Germany” war das Thema. Wir haben das Thema rechtsvergleichend betrachtet, also geschaut, wie Deutschland und Ägypten mit der Digitalisierung der Arbeitswelt umgehen. Die Studierenden haben so lebhaft diskutiert, dass ich gar nicht mit dem Stoff durchgekommen bin, den ich mir vorgenommen hatte. Das ist für mich das beste Zeichen.

Sie sprechen von Digitalisierung. Wie haben Sie die in Ägypten erlebt?

Ganz unmittelbar im Alltag. Wer die Pyramiden von Gizeh besichtigen möchte, bekommt sein Ticket nur noch digital. Und auch beim neuen Grand Egyptian Museum mit der weltbekannten Ausstellung zu Pharao Tutanchamun geht es nur mit E-Ticket. Schon am Flughafen in Kairo kann man sich das nötige Visum inzwischen digital besorgen. Das sind nur wenige Beispiele für eine viel umfassendere Digitalstrategie in Ägypten. Und wenn man in Kairo unterwegs ist, dann bucht man ganz einfach mit dem Smartphone die nächste Uber-Fahrt. Das klappt reibungslos.

Wo sehen Sie die Unterschiede zu Deutschland?

Interessanter finde ich zunächst die Gemeinsamkeiten, vor allem den Anspruch, staatliche Leistungen zugänglicher zu machen. Der Ansatz ist aber verschieden. In Ägypten wird stärker zentral gesteuert, das ermöglicht Tempo. Bei uns erfordern die föderale Struktur, der Datenschutz und andere Dinge mehr Abstimmung. Dabei will ich auch nichts idealisieren. In Ägypten ist längst nicht alles perfekt. Und gerade bei juristischen Themen stellen sich aus unserer Sicht nicht wenige Fragen. Speziell die Rechtsvergleichung als eigene juristische Teildisziplin hat dabei aber nicht den Anspruch, andere Rechtsordnungen zu bewerten, sondern erst einmal zu analysieren, wie man mit bestimmten Aspekten in einem Land rechtlich umgeht. Das kann beispielsweise zu Erkenntnissen führen, das eigene Recht zu verbessern. Schade eigentlich, dass die Rechtsvergleichung im Studium nur eine untergeordnete Rolle spielt.  

Bei uns in Halberstadt ist das Studium eng mit der Verwaltungspraxis verzahnt, aber nur wenige Studierende gehen ins Ausland. Warum lohnt sich der Blick über den Tellerrand trotzdem?

Wo soll ich anfangen? Auslandsbezüge dienen nicht zuletzt der Persönlichkeitsentwicklung. Ich bin davon überzeugt, dass davon sogar auch die Praxispartner unserer Studiengänge profitieren. Wer sich im Ausland auch einmal durch kleinere oder größere Schwierigkeiten durchgeboxt hat, bringt Problemlösungs- und Lernkompetenz mit, die ebenfalls zu den schon erwähnten Future Skills zählen.

Sie sind Jurist: Wie wichtig ist die internationale Perspektive aus rechtlicher Sicht?

Immens wichtig. Viele Themen lassen sich heute gar nicht mehr allein national denken, geschweige denn lösen. Nehmen wir den Umgang mit Daten. Daten halten sich nicht an Grenzen. Das Recht aber in vielen Bereichen doch noch. Deshalb müssen wir andere Rechtsordnungen verstehen. Es tut auch ganz gut, den Eurozentrismus abzulegen. Was herausragende Entwicklungen angeht, spielt die Musik oft außerhalb Europas. Der berühmte Blick über den Tellerrand war immer schon wichtig, heute ist er aber wichtiger denn je. Gerade in Zeiten, in denen der Blick politisch wieder stärker nach innen geht. Ich habe das mal in einem anderen Zusammenhang so formuliert: Wir schauen ja beim Autofahren nicht in einen Rückspiegel, um umzukehren, sondern um sicher voranzukommen.

Zwischen Halberstadt und Kairo gibt es bislang keine institutionalisierte Kooperation. Die Hochschule Harz hat aber viele andere Partnerhochschulen. Ist das auch etwas für den Fachbereich Verwaltungswissenschaften?

Wir arbeiten schon auf verschiedenen Ebenen international. Auch, wenn da sicher noch Luft nach oben ist. Für eine vergleichsweise kleine Hochschule haben wir beispielsweise zahlreiche Partnerhochschulen. Da ist vieles möglich, auch Dank der Unterstützung unseres International Office, das eine ganz großartige Arbeit macht. Internationalisierung beruht ja vor allem auf drei Säulen: der Studierendenaustausch, die Mobilität von Beschäftigten und gemeinsame Forschungsaktivitäten und Projekte. Das betrifft auch Bachelor- oder Masterarbeiten. Gerade im Bereich Digitalisierung und der digitalen Verwaltung bieten sich da auch international viele Möglichkeiten. Ich denke da auch an den kommenden Masterstudiengang „Digitale Verwaltung“. Unser Vorteil als kleine Hochschule ist ja, dass wir oftmals schnell und flexibel handeln können.

Wie sehen Ihre nächsten Überlegungen zur Internationalisierung aus?

Ich bin aktuell dabei, an eines meiner letzten Forschungsprojekte anzuknüpfen. Dabei ging es darum, wie sich Recht vermitteln lässt, also auch um Formen der Wissenschaftskommunikation. Herausgekommen ist das erste deutschlandweite juristische Reisebuch „(R)echt sehenswert! 77 einzigartige Orte des Rechts in Deutschland entdecken!”, das sehr gut aufgenommen wurde. Diesen Ansatz möchte ich jetzt auch international weiterentwickeln.

06.11.2026
Autor/Autorin: Prof. Dr. André Niedostadek / Tim Bruns
Fotograf/Fotografin: © Prof. Dr. André Niedostadek
Bildrechte: © Prof. Dr. André Niedostadek

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